KAPITEL VI – Teil 1 STURZ
Rebekka zäumte das
Doppelpony auf, unter den Sattel kam eine Decke, damit das Pferdchen nicht wund
auf dem Rücken wurde, und dann zog sie den Sattelgurt kräftig an. Es klappte
alles wunderbar, Pronny war sehr geduldig und Rebekka sehr behutsam.
„Na, dann wollen wir
mal...“, sie dirigierte das Pferdchen rückwärts aus der Box und marschierte mit
ihm in Richtung Reithalle, die wunderbar leer war.
Sie stieg ohne Mühe
auf und fing an, Pronny im langsamen Schritt gehen zu lassen, sie versuchte es
gleichmäßig mit ihrem Gewicht anzutreiben und nebenbei die Zügel zu verkürzen,
damit es locker wurde und diesen erhabenen Gang bekam. Es schien zu klappen.
Sie erhöhte das Tempo, klopfte dann mit beiden Beinen gleichzeitig am Bauch des
Pferdes an, und tatsächlich fiel Pronny in einen recht gleichmäßigen Trab.
Aus den Augenwinkeln
sah sie, dass Daniel in die Reithalle gekommen war. Er hatte Morgaine bei sich,
und hinter den beiden ging Claudia. Was für eine seltsame Allianz.
Daniel lächelte
Rebekka an, und sie kam sofort ein bisschen aus dem Tritt. Der Trab wurde
unruhiger, und sie konnte sich auf einmal nicht mehr richtig konzentrieren.
Daniel hielt Morgaine
hoch, damit sie ihrer Mutter beim Reiten zuschauen konnte, und die beiden
grinsten sich gegenseitig in vollstem Einverständnis an. Zwischendurch drehte
sich Morgaine öfter nach Claudia um, um sie auch anzugrinsen. Eigentlich hatte
Morgaine ja zu dem weißen Ziegenbock Kalybos gehen wollen, der sie überaus
faszinierte. Aber hier war es auch ganz nett. Mammi übte alleine mit Pronny!
Das war’s dann wohl
mit dem Alleinüben, dachte Rebekka und verlor immer mehr an Tempo, das heißt,
das Doppelpony verlor immer mehr an Tempo.
„Nimm deinen
Hintern“, rief Daniel ihr zu. Er rief ihr das natürlich ziemlich leise zu, um
das Pony Pronny nicht zu irritieren.
„Halt doch die
Klappe!“ zischte Rebekka in sich hinein.
„Hintern vor!“ sagte
Morgaine energisch. Morgaine war wirklich ein Naturtalent im Reiten, wie es
schien. Zumindest in der Theorie.
„Hörst du, sogar die
Fee kann es!“ sagte Daniel anerkennend.
Das war die neueste
Marotte von Daniel, dass er Morgaine ‚Fee’ nannte. Wie kommt er darauf, dachte
Rebekka. Und wieso hatte sie eigentlich diesen seltsamen Namen ausgesucht?
Aufgrund der Sage von König Artus oder einfach nur so? Sie wusste es nicht
mehr, es war wohl eine gefühlsmäßige Eingebung gewesen, und die zuständige
Behörde hatte den Namen akzeptiert.
„Schieb’ ihn mit dem
Hintern an, Mammi!“ forderte Morgaine.
„Hast du das gehört?“
Daniel musste sich das Lachen verkneifen, er genoss er sichtlich, Rebekka zu
verunsichern. „Morgaine hat es kapiert. Wenn sie ein noch etwas kleineres Pferd
hätten, würde ich Morgaine drauf setzen...“
„Ich glaube, hier
stinkt es nach Bier, du Exkneipenwirt!“ sagte Rebekka giftig. „Und so klein ist
Pronny gar nicht“, murmelte sie in sich hinein und versuchte, diesen lästigen
Typen und ihre lästige kleine Tochter einfach zu ignorieren.
„Frauen sollen ja
angeblich mehr Gefühl im Hintern haben als Männer“. Daniel konnte einfach nicht
aufhören, sie zu veräppeln.
„Willst du damit
behaupten, du hättest kein Gefühl im Hintern?“ Oh Gott, was redete sie da
überhaupt? Am besten nichts mehr sagen, sondern reiten! Rebekka versuchte, das
Pferdchen wieder zum Traben zu bringen, und tatsächlich, es fiel in einen
leichten Trab. Jetzt aber zusammenreißen, Beine fest anklammern – und einfach
richtig reiten… Und tatsächlich es ging, sie hatte es kapiert, alles klappte
ohne viel nachzudenken. Na also! Die Pferde kapierten es ja auch, und sie war
ja wohl nicht blöder als ein Pferd.
„Weiß nicht“,
beantwortete Daniel gerade ihre Frage nach Gefühl in seinem Hintern. „Was
meinst du denn? Du müsstest es doch wissen.“ Irgendwie schaute er hinterhältig
fies dabei.
Oh Mist, schon wieder
abgelenkt, also kein Trab, sondern wieder Schritt... Wie langweilig! Sie ließ
Pronny ein wenig schneller gehen und klopfte mit ihrem Fuß hinten an seine
linke Seite. Und tatsächlich rumpelte Pronny sich in einen bequemen Galopp hinein.
Meine Güte, das war wirklich Klasse!
„Du bist echt gut.“
Daniels Stimme klang nun bewundernd.
Galoppieren war
eigentlich das Beste am Reiten, und sie trieb Pronny ein wenig mehr an. In der
Kurve merkte sie dann, dass etwas nicht stimmte. Der Sattel schien ein wenig
locker zu sein. Vermutlich hatte Pronny vor dem Satteln tief eingeatmet und
dadurch seinen Bauch aufgeblasen. Das ging Rebekka durch den Kopf, Andromeda
hatte sie bei der ersten Reitstunde davor gewarnt. Nur wie konnte man Pronny
jetzt schnell abbremsen, ohne dass viel passierte? Und Pronny schien plötzlich
sehr unruhig zu sein, er buckelte seinen Rücken, und tänzelte wild in der Spur
umher. Sonst war er doch so ruhig und gelassen. Während Rebekka das überlegte,
hörte sie ein beunruhigendes Geräusch, es war, als ob etwas reißen würde, es
gab einen Ruck, irgend etwas lockerte sich, und wie in Zeitlupe rutschte sie
vom Doppelpony. Sie ließ die Zügel los, zog geistesgegenwärtig die Füße aus den
Steigbügeln – stürzte unaufhaltsam gegen die Bande, und dabei hörte sie ein
dumpfes Geräusch.
Und dann lag sie in
der Streu und dachte an nichts. Ihr Gehirn war absolut leer.
Bis sich ein Gesicht
über sie beugte. Es gehörte zu Daniel.
„Tut dir irgendwas
weh?“ fragte er. Seine Stimme hörte sich verschwommen an, aber das konnte auch
an der Akustik in der Reithalle liegen.
„Nein, nein“, sagte
sie mühsam und richtete sich auf. Dabei merkte sie, dass ihr doch etwas wehtat,
nämlich die Schulter.
„Da ist was gerissen,
ich bin nicht runtergefallen...“, Sie versuchte sich aufzurichten, aber Daniel
drückte sie auf den Boden zurück. „Nicht bewegen!“ Seine Stimme klang
bestimmend.
Wieso bestimmend,
dachte Rebekka wie durch einen leichten Nebel hindurch. Wieso sind Stimmen
bestimmend? Liegt es an der Lautstärke oder an der Ausdruckskraft? Oder an dem,
der die Stimme hat? Stimmen bestimmen, seltsam...
„Ich habe nichts!“
sagte sie und blieb trotzdem liegen. Es war schön, dass er sich um sie sorgte,
und die Schulter tat wirklich weh. Sie bemerkte, dass Claudia neben ihm stand
und mit einem aufgelösten Gesichtsausdruck auf sie herunter schaute. Neben ihr
tauchte Morgaine auf, und sie weinte. Nein, das wollte sie nicht, dass Morgaine
weinte.
„Es ist nichts“,
sagte sie. „Es tut nur ein bisschen weh. Hab’ mir bestimmt die Schulter
geprellt und nicht den Hals gebrochen.“
„Gut, dann hebe ich
dich jetzt auf.“
„Ach du lieber
Himmel. Nein, lass’ das!“ Rebekka machte eine abwehrende Bewegung mit dem
linken Arm, der nicht weh tat und richtete sich mühsam auf. Es schien wirklich
nichts gebrochen zu sein, und sie war auch nicht querschnittsgelähmt. Nur die
rechte Schulter tat höllisch weh. Dann urplötzlich wurde ihr schlecht. Vor
ihren Augen tanzten giftiggelbe und neongrüne Flecken, das Wasser lief ihr im
Mund zusammen, und sie dachte, wieso läuft mir das Wasser im Mund zusammen, ich
hab’ doch gar keinen Appetit.
Sie klammerte sich an
Daniel, und er sah, dass sich ihr Gesicht leicht grünlich verfärbt hatte. Der
unfallerfahrene Daniel, der seinen Zivildienst bei den Johannitern abgeleistet
hatte, wusste, dass es sich um einen Schock handelte, er stützte sie und führte
sie schnell aus der Reithalle hinaus. Vermutlich würde sie gleich kotzen, das
war normal in solchen Fällen, aber das tat sie nicht. Sie klammerte sich nur an
ihn, hing praktisch in seiner Achselhöhle und war irgendwie weggetreten.
Rebekka wankte an
seiner Seite, er hielt sie fest, und sein Körper war so vertraut, obwohl sie
doch nur einmal miteinander... Sie schmiegte sich an ihn, spürte seine Muskeln,
und sie roch ihn sogar, er roch überaus angenehm, auch sein Schweiß hatte
damals gut gerochen und seine Säfte auch... Rebekka stöhnte auf, und Daniel zog
sie vorsichtig enger an sich, es war irgendwie fürsorglich.
Fürsorglich... Manche Erinnerungen sind wie
im Hirn eingeätzt. Zum Zeitpunkt des Geschehens sind sie gar nicht wichtig,
aber irgendwann steht einem jede Einzelheit so deutlich vor Augen, als wäre sie
gefilmt worden:
>>>
Neun Monate nach dem Debakel bei Marissa und Daniel besucht Rebekka eine Bekannte,
die Geburtstag hat.
Die
Gäste verhalten sich seltsam, sie sprechen alle nur sehr vorsichtig mit ihr.
Woran liegt es? Weil Marissa auch dort ist? Rebekka lacht sich innerlich
kaputt, die Zerstörung ihres guten Rufs hat sich anscheinend schon rumgesprochen.
Hat Lukas geplaudert? Wahrscheinlich... Okay, sie geht manchmal mit Männern ins
Bett, ohne sie vorher zur Heirat zu zwingen. Also was wollen die Tanten von
ihr? Sie bemüht sich, freundlich zu sein, und das klappt auch, die Stimmung
wird merklich lockerer.
Die
gute Marissa betrachtet sich derweil verliebt im Flurspiegel und streicht sich
bewundernd übers Haar, das sie jetzt kurz geschnitten trägt. Sieht ziemlich
blöd aus, diese Frisur...
Als die
meisten Gäste schon weg sind, erscheint Daniel, um seine Marissa abzuholen. Er
begrüßt Rebekka sehr nett, obwohl sie doch jetzt eine unmoralische Unperson
ist...
Als
beide gegangen sind, schauen Rebekka und die Gastgeberin Dagmar aus dem
Fenster, sie sehen, wie Daniel Marissas Fahrrad in sein Auto lädt, weil es
Marissa ja nicht zuzumuten ist, die achthundert Meter mit dem Rad nach Hause zu
fahren...
Später
fängt die Gastgeberin Dagmar an, über Marissas Geiz zu reden, plaudert Sachen
aus ihrem gemeinsamen Urlaub aus, regt sich über Daniels Gutmütigkeit und
Fürsorge auf, und der Abend ist gerettet... <<<
FÜRSORGE! An dieser
Stelle der Erinnerungen schüttelt Rebekka sich – und sie schüttelt auch Daniels
Arm ab mit den Worten: „Ich kann schon alleine gehen. Ich kann auch alleine
Fahrrad fahren!“
Daniel starrt sie
verständnislos an, bis auf einmal ein Licht des Erinnerns in seinen Augen
aufglimmt. Aber er erinnert sich nicht an diesen Abend, er erinnert sich an
einen späteren Morgen. Auch er hat seine Erinnerungen, und die sind auch nicht
besonders nett...
„Was ist mit Pronny?“
fragt Rebekka.
„Der neue Stallknecht
hat ihn in seine Box gebracht“, sagt Daniel halb in Gedanken versunken, denn er
muss immer noch an diesen Morgen denken. Es war der Morgen nach der Nacht mit
Rebekka.
„Ein neuer
Stallknecht? Den kenne ich ja gar nicht.“
„Stimmt, ich habe ihn
auch zum erstenmal gesehen.“
„Und Morgaine? Wo ist
Morgaine?“
„Sie ist bei Claudia.
Sie wollten zu den Fohlen gehen.“
„Das ist gut, ich
will nicht, dass sie mich so sieht.“
Der Arzt, es ist ein
älterer Mann, der in Brunswick praktiziert, stellt bei Rebekka eine
Schulterprellung fest. Er gibt ihr ein Mittel gegen die Schmerzen und legt ihr
eine Kältekompresse an. Sie soll sich so wenig wie möglich bewegen, und dann
würde es nach ein paar Tagen besser sein.
In der Zwischenzeit
ist es draußen fast dunkel geworden. Es liegt an dem dicken Gewölk, das den
Himmel mittlerweile fast vollkommen bedeckt.
Rebekka hat sich auf
ihr Bett gelegt, und Daniel sitzt neben ihr. Er hat eine Lampe angemacht, weil
es finster im Zimmer ist. Er nimmt ihre Hand und berührt sie mit den Lippen.
„Wo ist Morgaine
eigentlich?“ fragt Rebekka ihn. Sie ist froh, dass es trotz der Lampe nicht
sehr hell im Zimmer ist, denn sie fühlt ihr Gesicht heiß werden vor
Verlegenheit.
„Ich weiß es nicht, aber sie ist bestimmt
noch bei Claudia.“
„Aber ich will sie
sehen“, sagt sie kläglich. „Wo ist sie?“
Erst will sie nicht,
dass Morgaine sie sieht und dann doch? Aber jetzt fällt es auch Daniel auf,
dass er von Morgaine seit Stunden nichts mehr gehört und gesehen hat. Er lässt
Rebekkas Hand los, murmelt etwas vor sich hin und geht aus dem Zimmer. Rebekka
schaut ihm verstört hinterher.
Er sucht nach
Morgaine, aber sie ist nicht bei Claudia, sie ist auch nicht bei Archie, und sie
ist auch nicht in der Küche bei Tante Bernadette. Er geht in den
Gemeinschaftsraum, findet dort Sammy und Biggi und fragt sie nach Morgaine.
Erfolglos natürlich.
Er geht hastig zur
Dorfkneipe und fragt die Wirtin Marianne, ob sie Morgaine gesehen hat oder
einen ihrer Freunde. Aber die Maid hat niemanden gesehen und schüttelt besorgt
den vogelartigen Kopf mit der runden Brille.
Morgaine ist
verschwunden. Und er hasst sich dafür. Warum ist es ihm nicht früher
aufgefallen? Warum hat er sich nicht früher darum gekümmert? Aber was soll ihr
passiert sein? Morgaine hat keine Feinde hier, und außerdem hält sie sich von
Leuten zurück, die ihr nicht gefallen, sie hat bestimmt das Gefühl oder das
Wissen dafür, wenn jemand ihr Übles will.
Oder nicht? Was ist,
wenn einfach so ein Arschloch daherkommt, so ein Kinderschänder und sie
irgendwohin lockt. Aber das würde sie spüren. Aber wenn es mit Gewalt wäre?
Daniel spürt allmählich, wie eine Art Lähmung an ihm hochsteigt, die sich
langsam aber sicher in Entsetzen verwandelt. Er denkt an die vielen Fälle, in
denen Kinder einfach verschwunden sind und hinterher... Nein, nein, nein, es
kann nicht sei, es darf nicht sein! Nicht Morgaine, dieses süße ungewöhnliche
Kind! Aber wo zum Teufel steckt sie? Claudia hat sie zuletzt im Stall gesehen,
als sie Kalybos besuchen wollte, das war, nachdem sie gemeinsam bei den Fohlen
waren. Auf einmal war sie weg, und Claudia hat gedacht, sie wäre ins Haus
gelaufen, um ihre Mutter zu sehen. Archie weiß gar nichts, er ist erst vor
einer Stunde aus der Brauerei zurückgekommen. Und bei Tante Bernadette war sie
am Vormittag, danach nicht mehr.
Er steht eine Weile
vor Rebekkas Wohnung, bevor er hineingeht. Er hat nämlich Angst, es ihr zu
sagen.
Seltsamerweise findet
er Archie an ihrem Bett vor. Archie hält ihre Hand und streichelt ihr Gesicht,
während sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anschaut.
Daniel ist einerseits
froh, dass Archie es ihr schon gesagt hat, andererseits ist er ein wenig
ärgerlich, dass Archie sich solche Vertraulichkeiten herausnimmt. Denn auch,
wenn Archie selber ein Vater ist, so ist er doch verheiratet und sollte seine
Finger von anderen Frauen lassen, auch wenn seine eigene Frau nicht da ist.
Aber er vergisst
schnell seine Eifersucht – es ist wohl Eifersucht – und macht sich wieder auf
die Suche nach Morgaine. Er fragt Claudia, wo Morgaine stecken könnte. Ob es
geheime Orte gibt, an denen die Kinder spielen. Irgendwelche Gänge, in die sie
kriechen können, Schuppen, die verlassen sind, Gartenlauben und so weiter.
Claudia fällt einiges dazu ein, und Daniel macht sich auf die Suche.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
KAPITEL VI – Teil 2 NACHT
Mittlerweile ist
Rebekka aufgestanden, sie hat sich einen Pullover übergestreift, ist nach unten
gegangen und starrt durch die geöffnete Terrassentür nach draußen. Sie kann es
immer noch nicht begreifen.
„Morgaine, wo bist
du?“ ruft sie in die Dunkelheit. Und als keine Antwort kommt, geht sie nervös
nach vorne zur Eingangstür und blickt auch dort nach draußen. Sie sieht bleich
aus unter der normalerweise leicht braun getönten Haut. Und sie ist sehr ruhig.
Sie sagt nichts, sondern lauscht nur irgendwohin, aber sie hört nichts, alles
ist stumm, Morgaine ist nicht da, und sie meldet sich nicht. Sie geht in den
Stall, macht das Licht an und späht in die Gänge hinein. Niemand ist da,
zumindest kein Mensch. Die Pferde rascheln leise in ihren Boxen. Kalybos, der
weiße Ziegenbock schläft neben seinem Pferdefreund, dem wild gescheckten
Mustang Zagato, der immer noch nicht auf der Sommerweide ist. Zagato selber
steht wie ein Standbild unbeweglich in seiner Box und träumt vor sich hin.
Vielleicht träumt er von der Prärie. Auch die Schweine schlafen friedlich, und
sie schnarchen tatsächlich. Aber wo ist Morgaine? Rebekkas Augen schmerzen, sie
wollen weinen, aber sie können es nicht. Rebekka lässt sie nicht weinen. Es
gibt keinen Grund zum Weinen. Morgaine wird gefunden werden.
Sie geht aus dem
Stall heraus und läuft in die Finsternis hinein, die sich auf dem Fußweg neben
dem Gut niedergelassen hat. Wie anders ist es jetzt als am ersten Tag, als
Morgaine fröhlich mit Kuhscheiße spielen wollte. Jetzt ist es finster, und in
den Büschen knistert und raschelt es. In den Bäumen rauscht es unheimlich, und
Rebekka beschleicht ein Gefühl der Angst vor der Natur. Ist das normal? Könnte
die Natur einem feindlich gesinnt sein? Oder sind das nur die Menschen, vor
denen man Angst haben muss?
„Morgaine, wo bist
du“, ruft sie, und als keine Antwort kommt, geht sie weiter, bis sie
schließlich an die Brücke kommt, unter der der Mühlbach rauscht. Sie beugt sich
über die steinerne Brüstung und versucht im Dunkeln, den Mittleren Teich zu
durchschauen, der undurchdringlich schwarz vor ihr liegt. Teiche sind
entsetzlich, wer weiß, was alles auf ihrem vermoderten Grund liegt.
Wieder wollen
Rebekkas Augen anfangen zu weinen, und wieder sagt Rebekka nein. Denn Morgaine
wird gefunden werden.
Über die Dorfstraße
läuft sie ganz langsam in Richtung Herrenhaus zurück. Wenn sie Licht in einem
der Häuser sieht, schellt sie dort an und fragt die verwunderten Leute, ob sie
Morgaine gesehen hätten. Aber alle schütteln den Kopf. Niemand hat das kleine
Mädchen gesehen, obwohl sie alle Morgaine kennen. Morgaine ist überall gewesen,
in jedem kleinen Schweinestall war sie, in jedem Ziegenstall auch, sogar für
die Hühner hat sie sich interessiert. Aber keiner hat sie gesehen...
Rebekka erreicht die
Strulle, zur linken ist noch ein Haus, wo sie nachfragen könnte, aber auch dort
weiß man nichts, verspricht aber, im Schuppen nachzuschauen. Sie schaut auf den
Hof des Gutes. Gerade ist der Mond zwischen den Wolken erschienen, und Rebekka
nimmt das als gutes Zeichen. Denn Morgaine wird gefunden werden.
Sie geht entschlossen
ins Herrenhaus, wo sich mittlerweile alle versammelt haben, Archie, Claudia,
Tante Bernadette, und sogar Sammy und Biggi sind da, und ausnahmsweise streiten
sie sich nicht. Daniel ist nicht da, wo steckt er? Rebekka tritt an die
Terrassentür und blickt dort in die mittlerweile undurchschaubare Finsternis.
Der Mond ist nicht mehr zu sehen, die Wolken haben das Regiment wieder
übernommen.
Sie hat noch eine
Idee, sie ist zwar abenteuerlich, aber es könnte sein, man greift ja nach jedem
Strohhalm...
„Habt ihr im
Mausoleum schon nachgeschaut?“
„Nein“, sagt Archie. „Da
kann man normalerweise gar nicht rein, aber wir werden trotzdem nachsehen.“
Sie gehen in den dunklen Garten hinaus. Der
Garten hat sich in ein Schreckgespenst aus nächtlichen Schatten verwandelt, ab
und zu erscheint der Mond schemenhaft am Himmel, und dann taucht wie eine
unheimliche schwarzgezackte Silhouette das Mausoleum auf.
Auch Andromeda taucht
auf einmal neben Rebekka auf. Sie ist den ganzen Tag unterwegs gewesen, sie hat
versucht, sich abzulenken und sich zu amüsieren, weil Max immer noch nicht da
ist. Und eben hat sie es von Maid Maryann erfahren, das mit Morgaine.
„Es ist nicht
unheimlich“, sagt sie zu Rebekka. „Als Kinder haben wir immer durch die
vergitterten Fenster hineingeschaut, da standen Steinsärge, aber eigentlich ist
es nicht unheimlich...“
„Hör’ bloß auf mit
dem Quatsch von den tröstlichen Ahnen!“ Rebekka schaut sie mit zitternden
Mundwinkeln an.
„Die sind schon okay,
die Ahnen.“ Andromeda legt tröstend ihren Arm um Rebekkas Schulter. Rebekka
zuckt ein wenig zusammen, die Schulter schmerzt, aber das ist egal. „Du glaubst
auch daran?“
„Ja“, sagt Andromeda
schlicht.
Mittlerweile hat
Archie einen Schlüssel in das Türschloss gesteckt, und die Tür öffnet sich nach
einigem Widerstand rostig knarrend. Archie hat eine Taschenlampe mitgenommen
und leuchtet in die Gruft hinein. Anscheinend funktioniert das elektrische
Licht nicht mehr.
Aber dort ist nichts
außer großen steinernen Sarkophagen. Archie leuchtet in jede Ecke, in dem
matten Schein der Taschenlampe sieht man kleinere Särge und auch ganz winzige.
Seltsamerweise sehen sie in der Finsternis, die nur spärlich mit der
Taschenlampe erleuchtet wird, nicht unheimlich aus. Eigentlich verströmen sie
Trost. Särge verströmen Trost? Wahnvorstellungen, denkt Rebekka. Vermutlich
dreht sie gerade durch, aber das darf sie nicht. Nicht bevor Morgaine gefunden
ist.
~~~
Es ist die schrecklichste Nacht, die Rebekka
in ihrem Leben erlebt hat. Sie versucht, sich nicht das Schlimme vorzustellen,
zu dem Menschen fähig sind. Sie versucht, nicht zu denken, aber trotzdem muss
sie an sie denken, an all die schrecklichen Dinge, zu denen Menschen fähig
sind. Und eigentlich will sie weinen, aber das Weinen würde die Hoffnung töten,
und sie hat noch Hoffnung, also wird sie nicht weinen.
Stunden später, es
ist vielleicht fünf Uhr, wird Rebekka wach. Sie liegt auf einem Sofa im
Aufenthaltsraum, und jemand hat eine Decke über sie gebreitet. Stunden später,
es ist vielleicht fünf Uhr, wird Rebekka wach. Sie liegt auf einem Sofa im
Aufenthaltsraum, und jemand hat eine Decke über sie gebreitet. Sie weiß im
ersten Augenblick nicht, was passiert ist und weshalb sie hier im
Aufenthaltsraum liegt.
Aber dann auf einmal
kommen die Erinnerungen wieder.
Nein, nicht das, es
kann nicht wahr sein, es ist ein Alptraum und nicht wahr. Sie richtet sich auf
und hält die Hände vors Gesicht, um nichts sehen zu müssen. Und am liebsten
möchte sie tot sein. Nein nein, nicht wirklich, denn wenn sie nicht mehr da
wäre und Morgaine wäre doch noch... Aber was ist, wenn sie noch lebt, was
könnte jemand mit ihr tun, sie kann es nicht ertragen, darüber nachzudenken.
Rebekka stöhnt auf und hält sich die Hände vor den Mund, um nicht zu schreien.
Nein, nein, Morgaine wird gefunden werden, das denkt sie mechanisch immer
wieder, obwohl ihre Seele mittlerweile von Zweifeln durchsetzt ist. Sie lässt
die Hände sinken und schaut auf. Eigentlich erwartet sie Daniel an ihrer Seite,
aber er ist nicht da, und sie fühlt sich enttäuscht, aber nicht lange. Claudia
sitzt neben ihr, und ihr Gesicht drückt ihre Gefühle aus. Es ist eine Mischung
aus Hoffnung und aus Trost.
„Rebekka, sie lebt
noch, ich weiß es!“
„Woher denn, und
wieso?“
„Ich weiß es eben.
Ich habe damals gewusst, dass mein Kind nicht tot ist. Und jetzt weiß ich, dass
Morgaine noch lebt.“
„Aber wieso?“ fragt Rebekka
gequält. Die Sonne geht anscheinend gerade auf, sie ist noch nicht zu sehen,
aber der Himmel hat sich in ein tiefes Rot verfärbt. Wie Blut sieht es aus. Und
wieso geht die Sonne auf, sie hat keine Berechtigung zu scheinen. Geh weg
Sonne! Und Claudia spinnt, sie hat ihr Kind verloren, und jetzt redet sie so...
„Ich weiß es!“
Claudia beugt sich über sie und nimmt sie in ihre Arme. Rebekka fühlt sich
seltsam. Es ist, als hätte sie eine Mutter, eine wirkliche Mutter, die sie
liebt und nicht eine, die sie immer bei jeder Gelegenheit niedermacht und
quält.
„Claudia, meinst du
das wirklich?“ sagt sie mühsam, und wieder steigen Tränen in ihr hoch, sie
erreichen ihre schmerzenden Augen, und wieder unterdrückt sie die Tränen.
„Ja, ich weiß es!“ Claudia wiegt sie ganz sanft, und
Rebekka überlässt sich ihrer Zärtlichkeit.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Daniel hat alles Mögliche
abgesucht, alle Ställe, die in Frage kommen, alle Schuppen, in denen die Dorfkinder
spielen, aber er hat nichts gefunden. Er will nicht zurück zu den anderen
gehen, sein Entsetzen ist zu groß, und er hat Angst, er könnte es auf Rebekka
übertragen. Sie ist bestimmt schon geschockt genug.
Also besinnt er sich und denkt
nach. Wenn niemand eine Spur von Morgaine gefunden hat, dann ist sie gut
versteckt. Oder sie ist mittlerweile weit weg von hier. Das ist schlimm,
aber... Er denkt an seine Fähigkeiten. Nein, er hat mittlerweile erkannt, dass
es nicht seine Fähigkeiten sind. Morgaine lässt ihn nur daran teilhaben,
vielleicht bewusst, vielleicht auch unbewusst, aber es ist eine Möglichkeit. Er kann natürlich nicht in ihren Kopf hineinschauen, außer
sie sendet ihm irgendetwas. Aber wie funktioniert es? In der Kneipe hat er
direkte Bilder von ihr empfangen, aber das kann Zufall gewesen sein. Warum
kommt jetzt nichts bei ihm an? Sollte er dazu schlafen? Dazu hat er eigentlich
nicht die Ruhe, aber er muss es proebieren, auch wenn es vielleicht vergeudete
Zeit ist, die er lieber nutzen sollte, um sie zu suchen... Oder ist sie etwa...
Nein, nein, nein, das ist sie nicht! Niemals!
Also schlafen, vielleicht auch träumen... Aus
Hamlet. Wieso hat man immer so beknackte Gedanken! Daniel
stöhnt auf, er muss sich irgendwie dazu zwingen, einzuschlafen. Er schleicht
sich an den anderen im Aufenthaltsraum vorbei, er sieht Rebekka an der
Terrassentür stehen und sie blickt hinaus. Alles in ihm drängt zu ihr, aber er
widersteht diesem Drängen und geht von den anderen unbeachtet die Treppe hoch.
Er kann ihr jetzt nicht helfen, er muss träumen...
Es ist mittlerweile drei Uhr.
Morgaine wird wach, und sie
weiß nicht, wo sie ist.
Sie hat geträumt, und die Träume haben ihr nicht
gefallen, da war ein weißer Raum wie beim Kinderarzt, aber viel größer, und er
hat ihr Angst gemacht. Und dann träumte sie von Leuten, die sie aus Mammis Kopf
kannte, und bei denen gefiel es ihr auch nicht. Aber jetzt ist sie wach, es ist
ein seltsamer Ort ohne Licht, und sie ist noch nie vorher hier gewesen. Normale
kleine Mädchen hätten vielleicht Angst vor ihm, aber Morgaine ist kein normales
kleines Mädchen.
Morgaine überlegt, wie sie
hierhin gekommen ist. Gerade noch ist sie mit Tante Claudi im Stall gewesen.
Aber eigentlich will sie ja zu Mammi. Mammi ist von Pferd gefallen, und es geht
ihr schlecht. Wie auf Stichwort taucht Mammis Gesicht vor ihr auf, es sieht
zerquält aus, Mammis Augen sind fast nass, aber nicht richtig, sie öffnet den
Mund und ruft etwas. Morgaine strengt sich an, um es zu hören, und tatsächlich
hört sie es nach einer Weile: Morgaine, wo bist du?
Bis jetzt hat sie noch nie
über ihre Fähigkeiten nachgedacht, bis jetzt war alles nur Spaß, manchmal geht
es ganz leicht, vor allem mit Daniel, den sie sehr liebt, und manchmal träumt
sie auch nur seltsame Sachen.
Aber jetzt tut sie es zum
ersten Mal gezielt, und sie hört wieder: Morgaine, wo bist du?
Ich bin doch hier, Mammi, sagt
sie erstaunt, und dann fällt ihr ein, dass Mammi gar nicht wissen kann, dass
sie hier ist. Denn sie weiß ja selber nicht, wo sie ist. Sie versucht, sich zu
erinnern, was ist passiert? Sie ist mit Tante Claudi bei den Fohlen gewesen,
und sie will zu Kalybos gehen. Tante Claudi kommt nicht mit, sie ist zu
langsam. Und dann ist da auf einmal dieser neue Mann, er ist erst seit gestern
hier, er arbeitet im Stall, und er sagt zu ihr: Kalybos ist gerade nicht hier,
er ist hinter der Kirche. Und ein kleines Kätzchen ist auch da. Soll ich mit
dir hingehen? Eigentlich will Morgaine nicht mit ihm gehen, denn er ist so wie
diese Zirza, so schwarz im Kopf, und das ist nicht gut. Aber da soll ein
Kätzchen sein, und sie liebt Kätzchen über alles, vielleicht ist das Kätzchen
in Gefahr... Sie will alleine dorthin gehen, aber er nimmt sie einfach bei der
Hand, sie gehen schnell an der Kirche vorbei – und bevor sie schreien kann, hat
er ihr etwas ins Gesicht gedrückt. Ihr wird schwindelig, und dann ist da nichts
mehr, bis sie hier im Dunklen aufwacht. Es ist wirklich dunkel hier und sehr
kalt.
Aber sie
ist nicht allein.
Mehrere Stimmen sind zu hören,
manche kann sie verstehen, und manche sind so leise, dass sie nur ein Murmeln
hört:
Es war lange keiner hier...
Und wozu auch, man hat uns
vergessen...
Wir sind tot, und das ist ganz
normal...
Aber ein bisschen könnten sie
uns doch...
Bist du das Morgaine, sagt
eine Frauenstimme.
Ja, ich heiße Morgaine, sagt
sie erstaunt. Sie versucht sich umzublicken in dieser Finsternis, und nach einer
Weile sieht sie tatsächlich etwas. Sie glaubt aber, dass sie durch ihren Kopf
sieht und nicht durch ihre Augen. Aber das ist egal, sie sieht große steinerne
Kisten, und aus denen kommen unzweifelhaft das Gemurmel und die Stimmen.
Aber sie hat keine Angst, denn
sie ist nicht alleine.
Die Frauenstimme sagt: Du
solltest nicht hier sein Morgaine.
Ich weiß ich weiß, ich möchte lieber bei
Mammi sein, sagt Morgaine, und bei Daniel und bei Tante Claudi.
Dann versuche, sie zu erreichen, sagt die
Frauenstimme.
Aber wie, fragt Morgaine und woher weißt du,
dass ich Morgaine heiße?
Weil ich selber so ähnlich heiße, sagt die
Stimme, nämlich Morgan.
Wirklich, fragt Morgaine.
Ich muss es ja wissen, sagt die Stimme, ich
kam einst von weit her aus dem Land Britannien, ich heiratete einen von Kampe,
und ich weiß, dass du mir sehr ähnlich bist und dass wir verwandt sind.
Morgaine überlegt angestrengt, bis ihr
einfällt, was Mammi gesagt hat. Dann muss Archie so was wie dein Ur-Ur-Ur-Enkel
sein?
Kann schon sein, lacht die Frauenstimme.
Wieso hat Mammi mir nichts davon erzählt? Und
da sind auch andere, aber sie will nicht, dass ich sie kennen lerne.
Zu deiner ersten Frage, deine Mutter weiß es
nicht. Und zu deiner zweiten Frage, deine Mutter wird wohl ihre Gründe haben.
Über diese Antworten ist Morgaine sehr
erstaunt.
Eine Weile sagt keiner von
ihnen etwas, und Morgaine hört nur das Gemurmel von den anderen. Sie erzählen
die Geschichte dieses Ortes. Er wird Krypta genannt.
Dann ertönt eine leise
Kinderstimme, sie kommt von oben, nicht von hier, und sie sagt: Ich kenne euch
nicht, ihr seid nicht meine...
Ach halt die Klappe, sagt eine
andere Kinderstimme, geh’ doch weg, wenn du dich hier nicht wohl fühlst.
Ich kann doch nicht, sagt die
erste Stimme.
Morgaine weiß nicht, ob sie
diese Unterhaltung wirklich hört, es geht nicht nur um Worte, sondern auch um
Eindrücke und Bilder. Sie sieht, wie ein Kind aus der Mutter kommt, es ist tot.
Es wird in eine Tasche gepackt, ins Herrenhaus geschleppt und später in eine
steinerne Kiste gelegt und hier eingesperrt. Es ist unglücklich, weil es nicht
hierhin gehört.
Sie sind vertauscht worden,
sagt die Morganfrauenstimme.
Man kann doch nur Karten
vertauschen, sagt Morgaine, die den Hang zum Kartenspiel wohl von ihrem Vater
geerbt hat, denn ihre Mutter interessiert sich überhaupt nicht dafür.
Doch das kann man, sagt die
Frauenstimme. Es sind böse Menschen, die so etwas tun. Aber das arme Kind da
oben kann nichts dafür.
Es ist traurig, sagt Morgaine.
Ja es ist traurig, sagt die
Frauenstimme aber du musst jetzt versuchen, jemanden zu erreichen. Es wird
Zeit. Er wird zurückkommen und dich holen wollen.
Ich habe aber kein Telefon
hier, sagt Morgaine.
Was ist ein Telefon?
Das ist so ein Ding, mit dem
man andere Leute anrufen kann.
Ach so... Brauchen die
heutzutage so ein Ding? Die Frauenstimme scheint sich zu amüsieren, bevor sie
weiterspricht: Aber du brauchst das nicht. Ich weiß es.
Aber was soll ich tun? Wo bin
ich? Ich weiß doch gar nicht, wo ich bin. Und ich war noch nie hier.
Ich werde es dir erklären...
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
KAPITEL VI – Teil 3 TOTE und TRÄUME
Daniel lässt sich auf sein
Bett fallen und versucht einzuschlafen. Das ist gar nicht so einfach.
Vielleicht sollte er etwas Alkoholisches trinken? Aber es darf nicht zuviel
sein, sonst wird er zu fest schlafen und nicht träumen. Also besser nicht. Oder
doch? Er geht an den Kühlschrank, nimmt sich dort die angebrochene Flasche
Weißwein heraus, und trinkt mehrere Schlucke direkt aus der Flasche. Er legt sich
wieder auf das Bett. Er wälzt sich hin und her, und durch die nicht zugezogenen
Vorhänge fällt ab und zu das Licht des Vollmonds hinein, wenn er gerade nicht
von Wolken verdeckt wird.
~*~*~*~ Er sieht in einen weiß getünchten sterilen Raum, viele Regale stehen an
den Wänden, seltsame Instrumente und elektrische Geräte befinden sich darin. In
der Mitte des Raumes steht drohend ein metallisch blanker Operationstisch, und
ein grob aussehender Mann in einem Laborkittel fährt gerade eine Bahre in den
Raum hinein. Ein weißes Laken verdeckt die kleine Gestalt, die darauf liegt.
Wir werden es schon herauskriegen, sagt eine Stimme, und die gehört zu einem
Kerl in einem grünen Arztmantel und mit einem Mundschutz, den er noch nicht
aufgesetzt hat. Ein Chirurg etwa? ~*~*~*~
Daniel wacht auf. Nein, nein,
das will er nicht sehen! Und bestimmt ist es nur eine Vision aus einer
möglichen Zukunft, die nicht unbedingt sein muss. Er versucht, sein wild
schlagendes Herz unter Kontrolle zu bekommen und sich wieder zu entspannen...
~*~*~*~ Diesmal sieht er in ein Wohnzimmer. Es ist mit grellbunten groß
gemusterten Tapeten und billigen geschmacklosen Möbeln eingerichtet. Ein Kind
spielt auf dem abgewetzten Teppichboden, und ein älterer Mann betrachtet das
spielende Kind mit leicht wollüstigen Blicken. Eine ältere Frau sitzt neben ihm
auf dem abgewetzten Kunstledersofa und betrachtet auch das spielende Kind. Aber
ihr Blick ist hasserfüllt. Schau mal Opa, ich habe das Teil gefunden, ruft das
Kind aus und blickt den älteren Mann an. Und Daniel sieht, dass es Morgaine
ist, vielleicht ist sie vier Jahre älter als jetzt. Morgaine ist bei ihren
Großeltern? Seltsam. Die kalten Augen der Frau gefallen ihm gar nicht,
wahrscheinlich ist es Rebekkas Mutter, obwohl sie Rebekka gar nicht ähnlich
sieht. Und dieser Blick, mit dem der Opa sein Enkelkind betrachtet, der gefällt
ihm auch nicht. Er ist schmierig, verschlagen und gierig.
Was zum Teufel ist los mit
dieser Familie? Er wird Rebekka danach fragen. Außerdem reift gerade ein Plan
in ihm heran. Er muss Morgaine unbedingt schützen, sei es vor diesen
widerlichen Großeltern oder sei es vor ganz anderen Gefahren... ~*~*~*~
Er wacht wieder auf und fühlt
sich elend. Wenn das die Zukunft ist, dann wird sie entsetzlich sein, so oder
so. Er denkt an die Idee, die in dem Traum geboren wurde, er überlegt sie
schnell bis in die letzten Konsequenzen, aber das dauert nicht lange. Er wird
es tun, und hoffentlich ist es noch nicht zu spät dafür. Er schließt die Augen
und versucht wieder, sich zu entspannen. Aber es geht nicht...
Dieses Mal ist er hellwach, er
blickt in eine absolute Finsternis. Und obwohl er seine Augen anstrengt, kann
er nichts erkennen. Aber er hört ein Wispern und ein Murmeln. Wieder strengt er
seine Augen an, um die Finsternis zu durchschauen, denn es muss doch einen
Funken Licht dort geben, aber seine Bemühungen sind vergebens, der Raum oder
was immer das ist bleibt dunkel, und das macht ihm Angst. Was ist, wenn das die
Gegenwart wäre!
Ich bin hier Daniel, hört er.
Es ist Morgaine, es ist
tatsächlich Morgaine!
Wo denn Fee, sag’s mir, fragt
er ungeduldig.
Die tote Morgan sagt, es ist
unter der Kirche...
Verdammt, die tote Morgan, wer
ist das? Kannst du ihr vertrauen?
Ja, sagt Morgaine, sie kennt mich
und hat auf mich gewartet, und sie hat auch dafür gesorgt, dass Max und du...
Okay, okay, wo bist du also?
Morgaine weiß mittlerweile, wo
sie ist, die tote Morgan hat es ihr erklärt. Sie schickt Daniel ein Bild von
einer mit Efeu bedeckten Mauer, ganz in der Nähe der Kirche. Und da ist eine
Tür, eine schwere Eisentür, zu schwer, um von einem kleinen Mädchen aufgemacht
zu werden. Aber Daniel kann sie bestimmt aufmachen, und während er sich eilig
auf den Weg macht, erzählt Morgaine ihm die Geschichte dieses Ortes.
Sie hatte etwas
mit einem Krieg zu tun, der vor langer Zeit stattfand und der dreißig Jahre
lang dauerte. Als die Familie von Kampe eintraf, fand sie kaum noch Überlebende
im Dorf vor, außer in der Krypta der Kirche. Die
Tür, die nach unten führte, war zugemauert worden, und es war der sicherste
Zufluchtsort des Dorfes, erreichbar nur von außerhalb der Kirche durch eine
geheime Tür in der Mauer, die man einst gebaut hatte, um die wasserbringende
Strulle ins Dorf zu leiten.
Die von Kampes ließen von nun
an ihre Ahnen in der Krypta der Kirche bestatten, aber diese Bestattungen
erwiesen sich als recht umständlich, und hundertfünfzig Jahre später ließen sie
sich ein eigenes Mausoleum bauen.
Kurz danach brachen wieder Kriege aus. Männer jeglichen Alters wurden getötet oder wurden vermisst. So gesehen war es kein Wunder, dass die versteckte Tür zur Krypta allmählich in Vergessenheit geriet und keiner mehr davon wusste. FAST keiner mehr davon wusste...
„Mammi!“
Rebekka, die immer noch ihren Kopf
in Claudias Armen vergraben hat, richtet sich ungläubig auf.
„Mammi, ich bin doch hier...“
Halluzinationen eindeutig! Sie
fängt allmählich an, überzuschnappen, bildet sich vielleicht ein, dass
Morgaine... Aber dann hört sie es noch einmal: „Mammi, ich bin doch hier...“
Sie dreht
den Kopf nach rechts zur Eingangstür – und sieht Morgaine dort stehen. Es ist
Morgaine, ihr kleines Mädchen, ihr ein und alles, und sie spürt, wie ihre Augen
nass werden. Durch die Tränen, die unwiderstehlich aus ihnen herausquellen, sieht
sie außer Morgaine auch Daniel, der Morgaine an der Hand hält. Hat Daniel sie
gefunden? Wenn ja, dann liebt sie ihn dafür, und er wird für immer in ihrer
Schuld stehen.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
KAPITEL VI – Teil 4 TÄUSCHUNGEN
Es gibt immer Neugierige, die alles
ausspionieren. Sirza ist so eine Neugierige. Auch ihre Familie ist sehr alt,
aber leider nicht so reich und berühmt wie die von Kampes, und deswegen
interessiert sie sich heftig für alles Mögliche, sei es für die fast vergrabenen
Geheimnisse des Dorfes – oder sei es für die Geheimnisse ihrer Mutter...
Es geschah, als Zirzas Mutter Helena, die gleichzeitig Hebamme und Oberabtreiberin des Dorfes war, Besuch von einer hochschwangeren entfernten Cousine und deren Mann hatte.
Diese Verwandten wohnten
vierhundert Kilometer weit weg in einer Kleinstadt mit ländlichem Umfeld. Die
hochschwangere Cousine hatte in Helenas Haus eine Frühgeburt. Es war nicht mehr
möglich, den Arzt aus Brunswick zu holen, und Helena in ihrer Eigenschaft als
Hebamme übernahm. Aber das Kind wurde tot geboren. Die Kusine weinte und machte
ihr heftige Vorwürfe, in die auch ihr nichtsnutziger Mann mit einstimmte.
Und um das Geflenne nicht mehr
anhören zu müssen, kam Helena auf eine geniale Idee. Im Herrenhaus war die
hochnäsige Schwester von Archibald zu Besuch, die selber hochschwanger war. Und
sie konnte es ja mal versuchen. Bei Gott, sie hasste dieses hochherrschaftliche
Pack – und sie wusste, dass alle vom Gut beim Schützenfest waren, außer Claudia
Mansell, die sich nicht gut fühlte. Auch ihr ausländischer Mann war mit zum
Schützenfest gegangen, welches dieses Jahr sehr spät stattfand, nämlich Ende
Oktober.
Helena trank schnell zwei Gläser
billigen Branntweins, um locker zu werden. Dann packte sie das tote Kind in ihr
Hebammenköfferchen, kramte im Apothekerschrank herum –als Hebamme kannte sie
natürlich diverse brauchbare Mittel – sie mischte etwas in einer Flasche
zusammen, packte noch ein Narkosemittel namens Halothan dazu – und machte sich schließlich
mit dem Koffer auf den Weg in Richtung Herrenhaus, das ja nicht weit vom
Unteren Dorf entfernt lag, nämlich nur zweihundert Meter.
Niemand im Dorf
schloss tagsüber die Haustür ab, und deswegen war es für Helena kein Problem,
ins Herrenhaus zu gelangen. Das Köfferchen mit dem toten Kind hatte sie hinter
den Tannen an der Eingangstüre versteckt.
Wie erwartet war
keiner da, außer dem leicht schwachsinnigen Mädchen, das gerade in der Küche
heiße Schokolade zubereitete, die für Claudia Mansell bestimmt war. Grandioser
Zufall, schicksalhaft irgendwie, dachte Helena frohlockend. Ohne die Schokolade
wäre sie in ziemliche Schwulitäten gekommen, aber es ging ja um nichts, es
handelte sich nur um einen Versuch.
Es war kein
Problem für Helena, das Mädchen abzulenken und ohne überhaupt gesehen zu
werden, eine ordentliche Portion aus ihrem Fläschchen in die Schokolade zu
geben. Das Mädchen erschien wieder, nahm das Tablett mit der Schokolade und
ging damit leise vor sich hinsingend die Treppe hinauf.
Ein paar Minuten später fing
Claudia Mansell an zu schreien, während der Spielmannszug gerade fürchterlich
herumlärmte mit Querflöten und Pauken und Trompeten.
Außer dem leicht schwachsinnigen
Mädchen hörte niemand ihre Schrei. Niemand außer Helena. Sie hatte die Schreie
gehört, als sie ZUFÄLLIG am Gutshof vorbeigegangen war. Sie schellte an der
Tür.
Das Mädchen ließ die dörfliche
Hebamme, die glücklicherweise ihren Koffer dabei hatte, erleichtert herein,
denn Claudia Mansell hatte wohl Wehen bekommen...
Die Geburt verlief ohne
Komplikationen, aber dennoch war das Kind tot. Klar, Helena hatte es flink
vertauscht und trug nun ein anderes, und zwar ein höchst lebendiges Kind in der
Tasche. Sie hatte ihm vorsichtshalber eine angemessene Portion Halothan verpasst,
denn es sollte nicht schreien. Das Mittel wirkte zwar erst nach ein paar
Sekunden, aber das war egal...
Doch Claudia, die trotz des
wehenerzeugenden Mittels und trotz des Schlafmittels darin immer noch ein wenig
wach war, hatte ihr Kind gesehen. Und sie hatte es auch gehört. Es war nicht
tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot... Es war wie ein Alptraum,
nicht tot, nicht tot, nicht tot, nicht tot... Noch Jahre später dachte sie an
diesen Augenblick, als sie ihr Kind gesehen und gehört hatte. Aber niemand
glaubte ihr. Auch der Arzt, der wenige Minuten später kam, herbei telefoniert
von dem leicht schwachsinnigen Mädchen, konnte nur noch den Tod des Kindes
feststellen. Es kam ihm zwar etwas seltsam vor, aber als er mit Helena
gesprochen hatte, stellte er anstandslos den Totenschein aus. Warum tat er das?
Ganz einfach, Helena hatte ihn in der Hand, einstmals Putzfrau bei ihm gewesen,
hatte sie dann etwas anderes geputzt, nämlich ihn selber, und diesen Gefallen
musste er ihr tun. Denn er war schließlich verheiratet, und seine Frau war
maßlos misstrauisch und eifersüchtig...
Helena fühlte sich stark und
mächtig. Dennoch war die Geschichte zu heiß, die Angelegenheit zu verzwackt,
und dass zwei Kinder zur gleichen Zeit im selben Ort geboren wurden, war zu
auffällig.
Sie drängte also die Cousine,
sofort die Heimreise anzutreten, koste es was es wolle. Nach hundert Kilometern
sollten sie in das nächste Krankenhaus gehen und behaupten, das Kind wäre auf
der Autobahn geboren worden. Und sie sollten sich am besten nie mehr hier
blicken lassen! Helenas Euphorie nach ihrem gelungenen Geniestreich war schon
fast verflogen, denn ihre undankbare Cousine fand das kleine Mädchen nicht
besonders anziehend. „Die mütterlichen Instinkte werden sich schon noch
einfinden“, sagte sie giftig zu ihr und drängte sie förmlich aus dem Haus.
Man war so schlau, ihre
Anweisungen genau zu befolgen. Es gab nur eine kleine Komplikation mit dem
Geburtsort der Kleinen, aber nachdem die Cousine reichlich herumgeheult und ihr
Mann den Chefarzt des Krankenhauses fast auf Knien liegend gebeten hatte, die
Geburtsurkunde hier auszustellen, weil er nicht wollte, dass sein Kind als
Geburtsort „Autobahn zwischen dem Ort und diesem Ort“ im Personalausweis stehen
hatte, gab die Krankenhausverwaltung nach, es kostete sie ja nichts. Die
glücklichen Eltern spendierten eine Runde Sekt und fuhren dann gemütlich nach
Hause.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Zirzas Mutter Helena, was bekam
sie für diesen Deal? Sie behielt es für sich. Viel Kontakt hatte sie nicht mehr
zu den Verwandten, die lebten ziemlich weit weg, dort wurde das Kind der
Claudia Mansell aufgezogen, und keiner wusste, wie es ihm erging.
Einmal jedoch besuchte Helena ihre
Cousine entfernten Grades. Sie sah das Kind, es schien ihm körperlich gut zu
gehen. Es war nicht eigentlich hübsch, sah aber interessant aus mit den dunklen
Haaren und den blauen schräggestellten Augen. Ihre Cousine hackte jedoch
dauernd auf ihm herum, als ob sie ihm die leicht adelige Abkunft verübeln
würde.
„Du glaubst wohl, du bist was
Besseres!“ hörte Helena – und: „Ich prügele es schon aus dir heraus!“ Das
Mädchen allerdings lächelte nur und zeigte sich unbeeindruckt. Gut gespielt,
dachte Helena, denn sie hatte die gequälten Augen des Kindes gesehen.
Es bereitete Helena nicht viel
Vergnügen, bei ihrer Verwandtschaft zu sein, möglicherweise hatte sie den
Anflug eines schlechten Gewissens. Sie ließ von weiteren Besuchen ab und erfuhr
Jahre später, dass noch ein Kind angekommen war, ein Sohn und dass er der
erklärte Liebling seiner Eltern wäre. Sie zuckte mit den Schultern und dachte
fast nicht mehr daran.
Allerdings machte sie dann und
wann, wenn sie zuviel billigen Branntwein getrunken hatte, dunkle Andeutungen,
die von ihrer Tochter Camilla gierig aufschnappt wurden.
Camilla, die sich später Zirza
nannte, und zwar in Anlehnung an die Zauberin Circe, hatte damals in einer Ecke
des armseligen Häuschens gesessen und alles mitgekriegt, ohne viel davon zu
verstehen. Zirza, alias Camilla sammelte Informationen, egal über was und über
wen. Und irgendwie bekam sie es heraus aus ihrer besoffenen Mutter, die sich
doch tatsächlich Vorwürfe machte. Das war absolut lächerlich! Die alte Kuh wird
sentimental, dachte Zirza höhnisch. Zu diesem Zeitpunkt war sie drei Jahre mit
Archibald von Kampe verheiratet, sie hatte zwar eine Stieftochter aber kein
eigenes Kind, und dann erfuhr sie, dass noch ein Sprössling dieser verdammten
Sippe lebte, und zwar bei ihren eigenen Verwandten. Ein Schlag ins Gesicht!
Aber es würde mit Sicherheit nie herauskommen, es war wasserdicht und absolut
nicht knackbar. Ihre Mutter war mittlerweile tot, gestorben an Leberzirrhose
oder aus Scham über ihre undankbare Tochter, die sie nicht einmal zu ihrer
Hochzeit eingeladen hatte. Aber trotzdem informierte Zirza sich über die
"Verwandte", die weit weg von ihr lebte, denn Information konnte nie
schaden...
Im Jahre 2000
Zwei Stunden später hörte Rebekka
allmählich auf zu weinen. Es war wie ein Sturzbach bei ihr gewesen, sie weinte
über Morgaines Verschwinden und über ihre Wiederkehr, sie weinte über ihre
Kindheit, über ihre Eltern, über ihre Beziehungen, sie weinte über all das,
worüber sie ihr ganzes Leben lang noch nicht geweint hatte.
Und sie war im Moment so dankbar
für jede körperliche Nähe. Vorhin war es Claudia gewesen, an die sie sich
geschmiegt hatte und für die sie Worte des Dankes gemurmelt hatte. Warum? Weil
Claudia an Morgaines Rückkehr geglaubt hatte, als Rebekka selber schon schwach
gewesen war. Oder Archie, er war gekommen und hatte sie umarmt, klar doch, er
hatte selber ein Kind und wusste wie es war, wenn... Auch Tante Bernadette war
da gewesen. Die arme Tante Bernadette, die ihre Tochter und gleichzeitig ihre
Enkelin verloren hatte vor fünfzehn Jahren, aber auch sie hatte Rebekka an sich
gedrückt, und Rebekka musste wieder weinen...
Und jetzt saß Daniel neben ihr auf
dem Sofa, und er streichelte geistesabwesend ihre Hand. Sie ließ es sich
gefallen. Rebekka hatte Morgaine ins Bett gebracht, damit sie sich richtig
ausschlafen konnte. Sie hatte die Nacht in der Krypta gut überstanden, und auch
die eisige Kälte darin hatte ihr nicht geschadet. Wieder kamen Rebekka die
Tränen. Daniel hatte Morgaine gefunden und zurückgebracht. Allerdings schien er
nicht ganz bei der Sache zu sein, denn er guckte streng an die Wand, als ob er
über irgendetwas nachgrübeln musste. Aber das war egal, sie strahlte ihn durch
die versiegenden Tränen hindurch an und sagte: „Wie hast du das nur geschafft,
Daniel?“
Er sagte nichts, sondern schaute
sie nur prüfend an. Und allmählich wurde ihr ein wenig beklommen zumute. Was
hatte er?
„Kannst du es jetzt wenigstens
zugeben?“ sagte Daniel schließlich und ließ ihre Hand los.
„Was denn? Was soll ich zugeben?“
Rebekka hatte absolut keine Ahnung, was sie zugeben sollte. Und ihre Hand kam
ihr auf einmal nutzlos und verlassen vor.
„Dass ich Morgaines Vater bin! Und
rede dich nicht wieder mit damit heraus, dass sie keinen Vater braucht!“
„Aber...“ Rebekka wurde still. Er
redete richtiges Hochdeutsch und nicht wie sonst mit der lässig abgekürzten
Sprache des Ruhrgebiets. Und seine Stimme hatte so eindringlich und kalt
geklungen, dass sie wirklich versuchte, in die Vergangenheit hineinzuschauen
und sie zu ordnen. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie es tat. Sie
überlegte krampfhaft, aber es kam nichts dabei heraus, bis dann auf einmal…
„Ich hab’ doch die Pille
genommen“, meinte sie schließlich kläglich, aber in einem Winkel ihres
Hinterstübchens war ihr dazu eingefallen: Sie hatte zwar die Pille genommen,
aber sie hatte diese Darmgrippe gehabt, wieso hatte sie nicht früher daran
gedacht... „Verdammt!“ sagte sie entgeistert.
„Ich will gar nicht wissen, warum
und wieso, es ist eben so.“ Daniels Stimme klang ein wenig zärtlicher als zuvor,
was soviel hieß, sie klang wie die Stimme eines Eisbergs.
„Und woher nimmst du diese
Gewissheit?“ Rebekka war trotz ihres wiedererlangten Erinnerungsvermögens immer
noch skeptisch.
„Herrgott, Mädel! Ich habe eine
Verbindung zu Morgaine, nur dadurch habe ich es geschafft, sie da raus zu
kriegen.“
„Eine Verbindung? Was soll denn
das für eine Verbindung sein?“ fragte Rebekka ungläubig.
„Es geschieht eben, ich glaube,
ich kannte sie schon, als sie noch in deinem Bauch war...“
„Das gefällt mir jetzt aber gar
nicht“, sagte Rebekka ärgerlich, denn sie hatte es nicht gerne, wenn jemand in
ihr spionierte, sei es in ihrem Bauch oder sei es in ihrem Gehirn.
„Es war warm und dunkel und
schaukelig...“
„Quatsch! Das war nur eine
Einbildung pränataler Art!“
„Nein, das war es mit Sicherheit
nicht. Später habe ich dann auch andere Sachen gesehen...“
„Und welche bitte?“
„Einmal habe ich mich selber
gesehen, das war einwandfrei aus deinem Kopf heraus. Und ich habe Morgaine
schon lange vorher im Traum gesehen, da wusste ich noch gar nicht, dass sie
existiert...“
„Du spinnst ja wohl“, ereiferte sich Rebekka, die krampfhaft darüber nachgrübelte, warum er sich selber hatte sehen können. Von IHREM Kopf aus? So ein Quatsch! Und dann fiel ihr siedendheiß ein, dass sie wohl öfter an ihn gedacht hatte, und zwar wenn sie sich ähem... selber befriedigt hatte. Und dieser Gedanke brachte sie dermaßen aus dem Konzept, dass sie das andere, nämlich dass er Morgaine schon kannte, bevor er sie äääh... Das war zu verwirrend, jedenfalls hoffte sie, dass Morgaine nicht allzu viel davon mitgekriegt hatte, vor allem nichts von Daniels Körper...
„Ich glaube, dass Morgaine in Gefahr ist. Irgendjemand
bemüht sich, sie in seinen Besitz zu bekommen.“
„Aber warum denn?“ fragte sie, obwohl ein Teil von ihr die
Antwort schon wusste.
„Sie kann irgendwie Bilder in
unseren Köpfen sehen, sie kann Bilder schicken und andere lesen, sie sieht
Sachen aus der Zukunft – und wer weiß, was sie noch alles kann.“
„Ja, sie ist außergewöhnlich.“ gab
Rebekka zu, und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Sie ist so lieb und
so gut, und sie weiß so viel. Aber was können wir tun?“
„Wir sollten heiraten!“ sagte
Daniel nach einer kurzen Pause.
Heiraten? Rebekka starrte ihn
an.Ihn heiraten? Und obwohl sie eine sehr realistische Person war – das dachte
sie jedenfalls von sich – war der Gedanke verlockend und verführerisch.
Vielleicht hatte sie im ihrem tiefsten Innersten das Verlangen, es irgendwann
zu tun, das mit dem Heiraten. Aber so? So hatte sie sich das nicht vorgestellt.
Das war nicht gerade die Hochzeit, die ein Mädchen sich wünschte. Andererseits war das alles vollkommen egal, denn jetzt ging es
um Morgaines Sicherheit.
Aber wieso heiraten?
„Warum?“ fragte sie ratlos.
„Sie wäre dann weniger gefährdet“,
sagte Daniel mit tonloser Stimme. „Du hattest doch einen seltsamen Unfall
gestern, oder?“
„Beim Reiten, ja.“ Rebekka bewegte
vorsichtig ihre verletzte Schulter, denn jetzt fühlte sie den Schmerz wieder,
den sie seit gestern Abend wohl verdrängt hatte.
„Genau der. Der
Sattelgurt sah nicht ganz normal aus, er kam mir vor, als hätte ihn jemand
angeschnitten.“
„Oh Gott! Sag’ mal, wo ist denn
eigentlich dieser neue Stallknecht abgeblieben?“
„Weg! Verschwunden! Hat sich nicht
mehr blicken lassen.“
„Seltsam...“
„Sehr seltsam. Wirklich. Aber wenn
er etwas damit zu tun hatte, dann war er nur ein Handlanger für irgendjemand
anders. Vielleicht für eine Organisation, die so etwas erforscht. Ich habe von
einem weißen Operationsraum geträumt.“ Daniel schüttelte sich leicht.
„Du hast davon geträumt? Aber
wieso...“ Rebekka verstummte. Sie konnte sich nur langsam mit Morgaines
Fähigkeiten abfinden.
„Es kam mit Sicherheit von
Morgaine, sie kann wahrscheinlich auch in die Zukunft sehen, vielleicht träumt
sie manchmal Dinge, die eventuell passieren werden unter bestimmten Umständen.
Und ich kriege sie irgendwie mit.“
„Ein Operationssaal!“ Rebekka
hatte erst jetzt das Wort verstanden, und sie wurde wieder blass.
„Und wenn das jetzt kein Zufall
war? Was ist, wenn du stirbst?“ fragte er eindringlich. „Würden deine Eltern
für Morgaine sorgen können?“
Rebekkas Gesicht wurde noch
blasser. Ihre Eltern? Nein, nein, nein, um Gottes Willen! Nicht ihre Eltern.
Nicht ihre Mutter, und erst recht nicht ihr Vater!
„Nein, das will ich nicht!“ sagte sie
hart. „Da heirate ich doch lieber dich!“ Auch das konnte nicht sein. Warum
hatten diese Worte ihren Mund verlassen, sie war ja total verrückt im Moment,
vollkommen außer sich vor Glück, dass Morgaine wieder da war und auch total
außer sich, weil sie sich Sorgen um ihre Tochter machte. Es stimmte, sie war
außergewöhnlich. Und diese Sache mit dem Hineinblicken in anderer Leute Köpfe,
das hörte sich zwar unwahrscheinlich an, aber wie sonst hätte Daniel Morgaine
finden können in diesem Loch, in dieser Krypta, umgeben von Toten – und das
alles nur erreichbar durch einen Geheimgang, von dem niemand etwas mehr wusste.
Rebekka erschauerte, Tote, Skelette und Morgaine allein in dieser Dunkelheit...
Dann fiel ihr schlagartig ein, dass noch jemand davon wissen musste, nämlich
der Entführer. Sie fing an zu zittern.
„Aber ich habe keine Papiere...“
sagte sie hilflos.
„Das ist kein Problem. Es sollte
nur schnell gehen. Am besten morgen. Wir brauchen nur deine Geburtsurkunde.“
„Die habe ich zu Hause“, murmelte Rebekka.
Tatsächlich hatte sie bei ihrem Auszug aus dem Elternhaus kurzentschlossen alle
wichtigen Urkunden und Unterlagen mitgenommen.
„Wir brauchen jemanden, der die
Urkunde hierhin faxen könnte. Und er sollte sie mit der Post schicken. Per
Einschreiben mit Rückschein natürlich. Und ich habe schon mit Archie
gesprochen, er wird den Bürgermeister überreden, die Kopie anzuerkennen. Das
Original werden wir dann später nachreichen.“
„Meinst du, das geht?“ fragte
Rebekka zweifelnd.
„Ich hoffe es!“
„Dann rufe ich Sabine an, die hat
einen Schlüssel.“
„Sehr gut, also morgen dann?“
Daniel lächelte sie an, aber es sah aus, als wäre er mit seinen Gedanken ganz
woanders.
„Wo sind die Blumen, und solltest
du nicht vor mir niederknien?“ sagte Rebekka in einem Anfall von Sarkasmus.“
„Es ist ja nur pro Forma.“
„Na du bist lustig! Meine Hochzeit
hätte ich mir ein wenig... anders vorgestellt. Vor allem nicht so überstürzt.“
Na super, dachte Rebekka. Was bin ich für ein Glückspilz! Dann aber dachte sie
an Morgaine und konnte es immer noch nicht fassen, dass sie wieder da war. Sie
musste geschützt werden. Und auf keinen Fall sollte Morgaine in die schmierigen
Hände ihrer so genannten Eltern geraten.
„Du hast von meinen...“ Sie machte
eine winzige Pause, bevor sie fortfuhr, „Eltern geträumt?“
„Ich denke schon. Morgaine war
etwas älter als jetzt und nannte den Mann Opa. Er war blond und sah
irgendwie...“ Daniel redete nicht weiter, denn es kam ihm zum Bewusstsein, dass
er wohl über seine zukünftigen Schwiegereltern sprach. Seltsamer Gedanke.
„Du wirst nichts mit ihnen zu tun
haben“, Rebekka sah wütend aus, als sie ihre Eltern erwähnte. „Sie wissen
nichts von Morgaine, und ich war seit Jahren nicht mehr da.“
„Wieso Rebekka? Was haben sie dir
angetan?“
Rebekka sah aus, als würde sie
gleich wieder anfangen zu weinen, und er wechselte das Thema und meinte: „Ich
lass’ mir dann auch mal mein Stammbuch reinreichen.“
„Wie haben sie gewohnt?“ fragte
Rebekka.
„Was, wer?“
„Na, meine Eltern…“
„Es war alles ziemlich abgewetzt
und eng dort. Wie in einer sehr billigen Mietwohnung.“
„Dann haben sie das Haus verkauft
und das Geld meinem Bruder in den Hintern gesteckt.“ Rebekka lachte auf, aber
es war ein bitteres Lachen. „Oder vielleicht sollte ich besser sagen, dass sie
es tun werden in ein paar Jahren...“
Daniel schaute sie an und
schüttelte den Kopf. Sie schien ihre Eltern nicht besonders zu mögen, aber
vielleicht würde sie ihm irgendwann einmal erzählen, warum das so war.
Daniel
war auf einmal selber voller Zweifel. Empfand sie überhaupt etwas für ihn?
Nichts deutete darauf hin. Und außerdem fiel ihm ein, wie Marissa damals über
Rebekka gesprochen hatte, von wegen dass sie mit jedem ins Bett gehen würde.
Tatsächlich war sie sogar mit seinem besten Freund ins Bett gegangen, aber es
war nichts draus geworden, denn sie war wohl vor dem Liebesspiel eingeschlafen.
Danach war Lukas ein wenig sauer auf Rebekka gewesen, wahrscheinlich wegen
gekränkter männlicher Eitelkeit... Danach werde ich sie auch irgendwann fragen,
dachte Daniel. Und was trieb sie mit Archie? Die Beiden schlossen manchmal die
Tür der Bibliothek von innen ab, man hörte nur gedämpfte Musik und ab und zu
leises Lachen. Man konnte sich alle mögliche darunter vorstellen, und Daniel
hatte viel Phantasie... Aber trotz aller Zweifel wollte er diese Heirat,
erstens weil er Rebekka liebte – ja das tat er – und zweitens, weil er diesen
Traum mit dem Kamin und dem Klavier in die Wirklichkeit bringen wollte. Es wäre
gut für alle und besonders für Morgaine.
„Okay“,
sagte Rebekka so locker wie sie konnte. „Ich rufe Sabine gleich an.“ Sie erhob
sich vom Sofa, konnte ein leichtes Stöhnen nicht unterdrücken und hielt sich
die Schulter.
Daniel
schaute besorgt drein, und seltsamerweise freute sie das. Ich hab’s wohl nötig,
dachte sie und war sehr erstaunt darüber. „Bleibst du hier bei Morgaine?“
fragte sie ihn.
„Sicher“,
meinte Daniel.
„Aber
bevor das alles über die Bühne geht, sollten wir sie fragen, ob sie es
erlaubt.“ Das war Rebekka gerade eingefallen. Wenn Morgaine es nicht wollte,
dann würde sie es auch nicht tun.
„Sie
weiß es schon, und sie ist begeistert.“
„Oh!“
sagte Rebekka
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Claudia,
die im Souterrain des Herrenhauses wohnte, dort wo es im heißen Sommer kühl und
im kalten Winter warm war, öffnete Rebekka die Tür.
Rebekka
trat ein und setzte sich sofort auf das gemütliche große Sofa, das über sich
ein Fenster hatte, durch das man auf den Hof des Herrenhauses gucken konnte.
Rebekka kannte sich gut aus hier, und sie fühlte sich heimisch, egal ob alleine
oder mit Morgaine hier war. Sie vermutete allerdings, dass Morgaine noch öfter
hier war als sie. Morgaine liebte Claudia bedingungslos, sie liebte natürlich
auch Andy und Archie, aber Claudia und sie zusammen zu sehen, das war, Rebekka
fielen da keine Worte ein, oder doch, herzerquickend oder so was ähnliches.
Trotzdem liebte Morgaine eine Person noch mehr, nämlich Daniel...
„Ich
werde also heiraten“, sagte sie und nippte vorsichtig an dem heißen Kaffee, den
Claudia ihr gebracht hatte.
„Und wie
fühlst du dich?“ Claudia hatte sich neben sie gesetzt.
„Ich
weiß nicht, es ist alles so plötzlich gekommen“, meinte Rebekka unsicher und
schaute in die Kaffeetasse, als ob sie in ihr lesen könnte.
„Und du
hattest wirklich keine Ahnung, dass er der Vater von Morgaine ist?“
„Nein!
Nicht im geringsten.“ Rebekka wirkte nachdenklich, bevor sie fortfuhr: „Kann es
sein, dass ich’s verdrängt habe? Aber so blöd kann man doch gar nicht sein...“
„Man
kann ziemlich blöd sein“, sagte Claudia. „Aber gerade du, du bist nicht blöd.“
„Danke
Claudia“, Rebekka musste lachen. „Aber in gewisser Hinsicht bin ich doch sehr
blöd. Warum habe ich den Typen, den ich für den Vater hielt, nicht als Vater
angegeben. Es ist doch viel besser, wenn das Kind weiß, wer sein Vater ist, als
wenn im Ausweis oder sonst wo steht: Vater unbekannt...“
„Du
warst dir also sicher, dass er der Vater ist?“
„Na
klar, denn es war anscheinend die bequemste und die beste Lösung für mich. Und
leider auch die teuerste...“ Rebekka grübelte immer noch darüber nach, wie es
passieren konnte, dass sie Daniel nicht als Vater in Betracht gezogen hatte.
„Es war
bestimmt nicht leicht für dich“, sagte Claudia mitfühlend.
„Ich
wollte das Kind. Seltsam, ich wollte es. Vorher wollte ich nie eins haben. Ich
hatte immer Angst, dass ich...“ Rebekka brach ab.
„Dass du
damit nicht fertig wirst?“
„Natürlich“,
sagte Rebekka. „Ich hatte Angst, wie meine Mutter zu sein. Jedenfalls habe ich
im ersten Moment sogar an Abtreibung gedacht.“ Sie schaute Claudia wie um
Verzeihung flehend an.
„Ich
kann dich verstehen. Aber du hast es dann doch nicht getan.“
„Ich
wollte es, seitdem ich es gespürt hatte.“ Rebekka lächelte. „Und außerdem hatte
ich die Nase voll davon, durch die Kneipen zu ziehen und jemanden aufzureißen.
Auf Dauer wäre ich dabei vor die Hunde gegangen. Ich wusste nur nicht, wie ich
es finanzieren sollte, ich hatte zwar einiges gespart, aber nicht genug. Und
dann rief mein Vater an und machte mir das Angebot, mir mein Erbe vorzeitig
auszuzahlen. Es war recht wenig, aber 12000 Mark haben oder nicht haben... Es
ist meine eiserne Reserve.“
„Er hat
dich bestimmt übers Ohr gehauen“, meinte Claudia.
„Das ist
normal bei ihm.“ Rebekkas Mund zitterte ein wenig.
„Ach
Gott!“ sagte Claudia mitleidig und schloss sie in ihre Arme. Rebekka lehnte
sich an sie und musste wieder weinen. Es war wie verhext, vorher hatte sie nie
richtig weinen können, aber seit sie hier in Kampodia war, hatte sie sich zur
Heulsuse entwickelt...
„Du
solltest ein wenig mehr Vertrauen in Daniel haben“, sagte Claudia schließlich.
„Ich glaube, er liebt dich.“
Rebekka
befreite sich aus Claudias Umarmung, nahm eine Serviette vom Tisch und wischte
sich damit die Tränen ab. „Aber er ist untreu und unzuverlässig, er hat mit mir
geschlafen, obwohl er noch mit einer anderen fest zusammen war.
„Ach
Kind, solche Dinge passieren. Aber jetzt ist er hier, er sorgt sich um dich und
um Morgaine, obwohl es ja wohl schon länger her ist, seitdem ihr...“
„Fast
fünf Jahre ist es her.“
„Er hat dich
also nicht vergessen! Und Morgaine hat eine Verbindung zu ihm.“ Claudia fügte
nachdenklich hinzu: „Bei uns in der Familie gibt es auch solche unerklärlichen
Dinge...“
„Ich
fühle mich nur so überwältigt, und ich habe Angst davor.“
„Manchmal
ist Nachgeben das Vernünftigste. Und wenn man kein Risiko eingeht, dann ist das
ganze Leben sinnlos.“
Dieser
Satz setzte sich in Rebekkas Hirn fest. Allerdings auf englisch, nämlich: No risk, no sense,
no fun…
“Und die
Hauptsache ist doch wohl, was du für ihn fühlst.”
„Das
weiß ich nicht“, gab Rebekka zu. „Er ist fantastisch im Bett, er ist Morgaines
Vater. Er ist in meinen Gedanken, ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann, er
verunsichert mich...“
„Das
sollte wohl reichen!“ meinte Claudia und fing an zu lachen.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
KAPITEL VI – Teil 5 HOCHZEIT
Der Bürgermeister des Dorfes war
massig von Figur und hatte einen ziemlich quadratischen Schädel. Er war
natürlich auch gleichzeitig der Standesbeamte von Kampodia. Und er saß so
massiv und selbstsicher hinter seinem riesigen Schreibtisch, dass er fast schon
bedrohlich wirkte. Das war keine Täuschung. Dieser Herr war nämlich überaus
geldgierig und außerdem bestechlich, wie Archibald von Kampe wusste. Der
Bürgermeister stand sogar im Verdacht, ein Testament gefälscht zu haben,
allerdings auf eine so plumpe Art und Weise, dass es dem blödesten
Nachlassverwalter aufgefallen wäre – wenn in diesem Lande jemand Interesse an
Rechtsverletzungen gehabt hätte. So aber verlief die Anklage im Nichts. Der Bürgermeister
war noch im Amt, zwar leicht angeschlagen im Ansehen, aber er war für Archibald
von Kampe in diesem Falle sehr nützlich. Archibald hatte sich schnell von
Daniel überzeugen lassen, dass diese Hochzeit das Beste für Morgaine wäre.
Archibald war nämlich immer noch entsetzt über die Tatsache, dass die kleine
Morgaine auf seinem Gut entführt worden war. Er hatte sich an Andromedas
Verschwinden damals erinnert und daran, wie schrecklich es gewesen war.
Was brauchte man für eine
Eheschließung? Eine Geburtsurkunde. Gut, das war ein Knackpunkt, aber eine
Kopie würde reichen. Ferner brauchte man ein polizeiliches Führungszeugnis. Das
sollte der Bürgermeister beschaffen, er hatte den Draht dazu. Was noch? Das
Aufgebot, das vier Wochen vor der Hochzeit ausgehängt wurde. Na, wen juckte
das? Auch das konnte man umgehen...
Was Archibald dem Bürgermeister
für seine nicht unbeträchtliche Mithilfe versprach, ist unbekannt, aber es
hatte vielleicht mit Sex und wundergeilen Nutten und einem Stück Land zu tun,
das Archibald gehörte und das der Bürgermeister lange schon als Bauland ins
Auge gefasst hatte. Aber das ist reine Spekulation.
Und so kam es, dass Daniel und Rebekka sich schon am nächsten Morgen in einem nüchternen Büro wieder fanden, nämlich in dem Büro des Bürgermeisters von Kampodia, der gleichzeitig auch der oberste und einzige Standesbeamte von Kampodia war.
Ihre Trauzeugen waren Claudia
Mansell und Archibald von Kampe. Beide Trauzeugen saßen neben ihnen. Und hinter
ihnen saß das Kind der Braut, ein wunderschönes kleines blondes Mädchen mit
leicht lockigem Haar und hellbraunen Augen.
Rebekka, die Mutter dieses süßen
Kindes trug eine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt und darüber eine
taillierte beige Leinenjacke. Das war das Beste, was sie an Kleidung nach
Kampodia mitgebracht hatte, außer dem Kleid, das sie in Brunswick gekauft hatte
und das für den Sommerball bestimmt war. Aber wer hätte auch ahnen können, dass
und überhaupt... Außerdem hatte sie ihr Haar von Claudia zu einem so genannten
Bauernzopf flechten lassen, und sie sah gut damit aus, wie sie fand.
Daniel, der Bräutigam, trug blaue
Jeans, dazu ein weißes T-Shirt und darüber eine schwarze locker sitzende Jacke,
die elegant und trotzdem wahnsinnig bequem aussah und ihm ungemein gut stand.
Das dachte zumindest Rebekka...
Die Trauungszeremonie lief wie
geschmiert ab.
„Sie, Rebekka Steiner und Sie,
Daniel Burkhardt sind hier auf diesem Standesamt erschienen, um den Bund der
Ehe einzugehen.“
Rebekka nickte zögernd, Daniel sagte
schlicht und einfach: „Ja.“
„Das Gesetz erlaubt neuerdings
kombinierte Nachnamen. Der Mann kann zum Beispiel den Namen der Frau annehmen,
oder die Frau kann zum Beispiel einen Doppelnamen tragen.“
Rebekka hatte sich noch keine
großen Gedanken darüber gemacht, welchen Namen sie ab heute tragen würde.
Eigentlich war es ihr egal, denn der Name ‚Steiner’ hatte ihr bisher nur Übles
gebracht, also hieß sie ab jetzt Burkhardt. Aber irgendwie fühlte sie sich
verloren, jetzt hatte sie gar keine eigene Identität mehr. Jetzt war sie nur
noch Frau Rebekka Burkhardt. Aber in den USA war es noch schlimmer, da würde
sie nämlich Missis Daniel Burkhardt heißen...
„Die Trauzeugen sind Claudia
Mansell und Archibald von Kampe. Sie haben sich ausgewiesen durch Personalausweis.
Sie wissen, dass das Kind Morgaine“, der Bürgermeister sprach den Namen
Morgaine wie Morga-ine aus, „den neuen Namen der Mutter annehmen kann. Es kann
aber auch den alten Namen der Mutter behalten, oder es kann den Namen des
Vaters annehmen.“
Sie spürte, dass Daniel sie leicht
anschubste und sie kurz ansah – und schaute wieder auf den feisten
Bürgermeister. Feister Bürgermeister, das war zum Piepen. Das mit den Namen
auch. Natürlich musste Morgaine das entscheiden. Sie schubste Daniel dezent
zurück.
„Versprechen Sie, Rebekka, diesen
Mann zu lieben, ihn zu achten und ihn zu ehren, bis dass der Tod Euch
scheidet?“
„Ja, ich will!“, sagte sie leise
und zögernd, denn so gehörte es sich wohl. Obwohl das mit dem leise und zögernd
vielleicht nicht...
„Versprechen Sie, Daniel, diese
Frau zu lieben, sie zu achten und sie zu ehren, bis dass der Tod Euch
scheidet?“
„Ja, das will ich!“ sagte Daniel
ohne zu zögern.
Rebekka fiel es kurz auf, dass von
Treue keine Rede war, und das missfiel ihr sehr. Vielleicht hatte der
Bürgermeister, der sehr triebhaft aussah, die Formel einfach abgewandelt...
„Dann erkläre ich Euch hiermit zu
Mann und zu Frau. Geben Sie, Daniel, nun der Braut den Ring, der Euer
Ehegelübde bestätigen soll.“
Oh je, Rebekka schaute Daniel
schnell von der Seite an. Ohne Ringe würde es nicht gehen, und er hatte
bestimmt nicht an Ringe gedacht. Alles andere war manipulierbar, die
Geburtsurkunde, das Aufgebot, das polizeiliche Führungszeugnis, aber die Ringe
nicht...
Daniel griff in seine Jackentasche
und förderte ein Kästchen zu Tage. Rebekka sah ihm mit großen Augen fasziniert
zu.
Er öffnete das Kästchen und sie
sah zwei Ringe. Sie schimmerten ein wenig rötlich, sie hatten nicht die übliche
gelbe Goldfarbe, sondern einen satten kupfernen Farbton. Sie waren nicht sehr
breit, aber wunderbar abgerundet.
Er steckte ihr den kleineren Ring
an den Finger, und er passte wie angegossen. Dann gab er ihr den größeren, und
sie verstand. Den musste sie ihm an den Finger stecken. Sie tat es, und ihre
Hände zitterten etwas.
„Und küssen dürfen sie die Braut
nun auch“, sagte der feiste Bürgermeister mit einem leicht lüsternen Grinsen.
Daniel drückte sie an sich und
küsste sie auf den Mund, aber nicht so richtig, wie Rebekka meinte. Aber es war
ja alles nur pro Forma.
Und das war’s dann schon.
Claudia hatte einen Fotoapparat in
der Hand und knipste mit Blitzlicht. Rebekka war ein wenig geblendet von dem
Licht und hielt ihre Hand beschützend vor die Augen. Daniel machte das Licht
anscheinend nichts aus.
Als sie
hinausgingen aus dem Gemeindesaal, schritten sie ziemlich verlegen und vor
allem sehr schweigsam nebeneinander her. Es war ein wundervoller Tag mit
herrlichem tiefblauen Himmel, an dem nur ein paar winzige Wölkchen zu sehen
waren.
Morgaine
hüpfte um sie herum wie ein kleiner Hütehund, der seine Schäflein bewacht.
Hinter ihnen gingen Archie und Claudia, und beide waren festlicher gekleidet
als das Brautpaar selber. Sie tuschelten miteinander, und Claudia Mansell
schaute Rebekka irgendwie seltsam an, aber die ganze Situation war ja auch
seltsam.
Sie war
jetzt verheiratet! Wie konnte das passieren? Gab es einen Ablauf der Dinge, der
nicht beeinflussen ließ? Womit hatte dieser Ablauf angefangen? Etwa damals vor
fast fünf Jahren, als sie von Sabine erfuhr, dass sie Daniel am Sonntag im Café
Klonk getroffen hatte? Ohne Marissa natürlich. Marissa, die geizige Kuh war von
einer Tante nach Mallorca eingeladen worden. Und Sabine hatte mit Daniel
geschlafen, er hatte sie die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hinauf auf Händen
getragen. Ich hab’ ihn gefragt, wie es denn so läuft zwischen ihm und Marissa,
hatte Sabine außerdem erzählt. Und was hat er gesagt, hatte Rebekka gespannt
gefragt. Er hat gesagt – Sabine musste losprusten – es läuft ganz gut. Es läuft
ganz gut, wiederholte Rebekka, und beide fingen an zu lachen und konnten gar
nicht mehr aufhören zu lachen.
>>> Seitdem
ist Rebekka, die übrigens seit einigen Tagen übel von einer Darmgrippe geplagt
wird, wie besessen von dem Gedanken: Ich will auch! Ich will auch mit ihm
schlafen!
Er ist Marissa nicht
treu. Er hat mit Sabine geschlafen, natürlich ist sie nicht so
hübsch wie Sabine, aber sie will es erzwingen. Sie wird am nächsten Sonntag ins
Café Klonk gehen, hoffentlich ist bis dahin diese beschissene (im wahrsten Sinne
des Wortes) Darmgrippe vorbei. Und tatsächlich ist die Darmgrippe vorbei, und
sie fährt um zehn Uhr abends mit dem Fahrrad ins Klonk.
Er
kommt eine halbe Stunde später mit seinem Freund Lukas, mit dem Rebekka
befreundet war bis vor ein paar Wochen, nachdem sie irgendwie im Bett gelandet
sind und es im Sande verlief. Seitdem mag er sie nicht mehr besuchen. Egal! Ein
anderer Typ will sie unbedingt sprechen, ein Typ, auf den sie vor ein paar
Monaten scharf war, aber er wohl nicht auf sie – und jetzt auf einmal... Nein
danke, jetzt ist es zu spät und sowieso egal! Sie schüttelt ihn ab und geht an
die Theke, wo Daniel mit Lukas sitzt. Es wird ein lustiger Abend. Sie unterhält
sich blendend mit den beiden, Lukas scheint ihr nicht mehr übel zu nehmen, dass
sie eingeschlafen ist, bevor was mit ihm passieren konnte, und Daniel schaut
sie immer wieder so seltsam an. Sie sprechen über französische Katzen, und ob
die Franzosen ihre Katzen siezen, und überhaupt über blödes Zeug. Das kommt von
dem Sambucca, den Daniel reichlich ausgibt. Will er sie besoffen machen? Okay,
das kann er haben...
Um
ein Uhr, als der Laden zugemacht wird, schlägt sie den beiden vor, zu ihr zu
gehen. Das will Daniel nicht, weil er seinen Hund versorgen muss, das arme Vieh
ist den ganzen Abend allein zu Hause gewesen. Also zu ihm... Wie
selbstverständlich geht Rebekka mit. Sie nehmen den schwer angeschlagenen Lukas
in die Mitte. Der Lukas ist so betrunken, dass er kaum noch laufen kann. Daniel
ergreift hinter Lukas’ Rücken ihre Hand – zärtlich, wie sie meint – und sie
schleifen den Lukas gemeinsam zu Daniels Wohnung, die gleichzeitig auch
Marissas Wohnung ist. Aber Marissa ist ja nicht da!
Sie
setzen den Lukas auf das Sofa, und Rebekka muss lachen, denn zu ihrer
Belustigung ist es das gleiche Sofa, auf dem Daniel und Marissa vor über einem
Jahr so einträchtig zusammensaßen und über selbstgebackenes Brot faselten.
Sie
selber setzt sich auf den Boden zu Daniels Füßen und streichelt den Hund,
obwohl sie viel lieber Daniel gestreichelt hätte. Bis sie spürt, dass Daniel
ihre Hand streichelt, mit der sie den Hund streichelt. Der Hund ist groß, aber
sie hat keine Angst vor ihm.
Daniel
lacht. Er legt eine CD auf, die er gerade gekauft hat - es handelt sich um
einen Sampler aus den 80ern mit verschiedenen Gruppen, zum Beispiel den Talking
Heads, oder Jimmy Somerville, Alison Moyet und und und... Rebekka ist
begeistert und gerührt, es handelt sich um die Musik ihrer Jugend.
Daniel
streichelt nun ihr Knie, und sie streichelt sein Knie. Der gute Lukas ist so
besoffen, dass er überhaupt nichts davon merkt – das hofft sie jedenfalls.
Daniel lächelt hilflos. Was er sich bei dieser Sache so
denkt, kann sie sich überhaupt nicht vorstellen. Was für eine Situation! Da
sitzt sein bester Freund, gleichzeitig auch der beste Freund seiner Freundin
und könnte vielleicht mitkriegen, was sein bester Freund in Abwesenheit eben
dieser Freundin so treibt. Das ist zu köstlich. Sie glaubt aber, im Moment ist
es Daniel schnurzegal, was Lukas über ihn denkt –
der Verstand setzt aus, das ist es. Wieso kommt sie darauf? Stimmt, sie hatten
einmal darüber gesprochen, als sie sich bei ihm über Michaels Untreue beklagte.
Aber wer ist Michael? Eine Person am Rande ihres Lebens und total unwichtig.
Denn sie und Daniel sind sich einig.
„Küss mich, Rebekka!“ kräht Lukas und richtet sich zum Schlafen auf dem Sofa ein.
Sie küsst ihn sanft auf die Stirn und breitet eine Wolldecke über ihn.
Kurz darauf gehen Daniel und sie Hand in Hand ins
Schlafzimmer, und der Hund folgt ihnen. Ob er wohl an sein Frauchen denkt?
Vor über einem Jahr war sie schon einmal in diesem
Schlafzimmer, in diesem voll gestopften pseudoantiken Schlafzimmer. Damals fand
sie es gar nicht lustig. Aber heute ist alles anders.
Sie knöpft langsam sein Hemd auf, während er sie
anstarrt. Und dann fängt er selber an, ihre Bluse zu öffnen, er schiebt seine
Hand in ihren BH, hebt ihre Brüste hoch und küsst sie. Jetzt starrt sie ihn an
und stöhnt leise auf. Sie drängt ihren Mund an seinen Oberkörper und saugt sich
mit ihren Lippen dort fest, während sie gleichzeitig versucht, ihre Hose
auszuziehen. Auch er hat es sehr eilig, seine Hose auszuziehen, aber beide
halten trotzdem Körperkontakt bei ihren Bemühungen, ihre Kleider loszuwerden,
und es geht, es geht, obwohl es eigentlich unmöglich ist.
Eine Liebesnacht beginnt, die voller Zärtlichkeit ist.
Rebekka denkt verschwommen, das ist, weil es nur einmal und nie wieder ist,
aber dann hört sie auf zu denken. Sie spürt seine Hände auf ihrem Körper, auf
ihren Brüsten, auf ihrem Bauch, sie dringen überall ein und sie genießt es
stöhnend. Seine Lippen folgen seinen Händen. Und sie stöhnt es noch mehr. Sie
glaubt es nicht ertragen zu können, aber er will nicht in sie eindringen, nicht
sofort, bis sie anfängt zu wimmern, ihn mit ihren Beinen umfängt und er nicht
mehr anders kann. danach liegen sie eine Weile stöhnend da, er noch auf ihr,
noch in ihr – und sein Mund hat ihren Mund geöffnet.. Sie können nicht nah
genug beieinander sein, es ist, als hätten sie ihr Leben lang darauf gewartet,
es hier in diesen Ehebetten zu treiben...
In den Pausen, die sie im Liebesspiel machen, unterhalten
sie sich. Über nichts Wichtiges, sie unterhalten sich über ihre Körperteile und
Daniel sagt, dass sie eine überaus süße, na ja, er spinnt...
Sie treiben es erst in dem einen Bett und danach in dem
anderen, ab und zu auch am Kleiderschrank, und sie lassen nichts aus, flüstern
sich Schweinereien zu. Und immer noch hören sie den Sampler der 80er Jahre aus
dem Nebenraum, Billy Idol vor allem mit seinem Flesh for Fantasy... Manchmal singt Rebekka mit, aber
sie singt es anders als Billy, nämlich: Face to face and fact to fact, you see
and feel my sex-attack… Und Daniel lacht dann und bringt sie zum
Singen, aber anders. Seltsam, vorher hat sie noch nie gesungen beim Akt. Es war
immer krampfhaft gewesen, nie richtig erfüllt – und vor allem immer schnell
vorbei. Aber am schönsten ist dieses Stück von Jimmy Somerville: It ain't necessarily so. Dieses Klavier, dieser Chor am Ende, dieses
kühle Saxophon, so wahnsinnig gut geblasen. So sanft geblasen... Und wie es
sich dann in die Höhe schwingt. Oh Gott! Oh Daniel! Später singt Rebekka: Is necessarily so… Is
necessarily so…
Als es draußen heller wird, werden sie ruhiger. Trotzdem
küssen sie sich immer noch, ihre Zungen versuchen, sich zu vereinen, und sie
halten sich fest. Rebekka hat ihren Kopf an Daniel Brust gelegt, und er
streichelt ihr gedankenverloren übers Haar. Dann wendet sie sich tiefer, und
Daniel fängt an, lauter zu atmen, trotzdem streichelt er immer noch ihr Haar,
obwohl es nun tiefer ist...
Als es nicht nur draußen, sondern auch im Zimmer heller
wird, kommt Rebekka allmählich zur Besinnung. Was tut sie hier? Es ist nicht
richtig. Und was ist los mit ihm? Was hat Marissa mit ihm angestellt, oder vielmehr
NICHT angestellt. Er ist ja vollkommen ausgehungert nach körperlicher Liebe.
Und was ist mit IHR los? Sie hat sich
noch nie so gefühlt, körperlich so befriedigt und trotzdem noch hungrig – und
gleichzeitig seelisch nicht angekotzt.
Das ist seltsam, aber es ist vorbei. Hat sie etwa ein schlechtes Gewissen? Ja,
doch, ein wenig. Marissa war mal eine Freundin irgendwie, hat zwar nicht lange
gehalten, aber trotzdem. Solidarität unter Frauen? Kommt drauf an, wie sie
sind. Aber Marissa hat Daniel nicht verdient. Die mit ihrem Geiz, und sie ist
ja auch nicht da! Trotzdem ist es unrecht von ihr. Und von Daniel erst recht
unrecht! SIE ist schließlich nicht gebunden, aber er ist mit Marissa liiert, sie wohnen zusammen, und trotzdem
betrügt er sie. Die Männer sind alle Schweine, sie hat’s doch gewusst!
Andererseits, wie kann man so einen Mann so oft alleine lassen, so einen
Supertypen? Nur um sich den Hintern und die Titten an irgendeinem Strand
umsonst bräunen zu lassen. Was will diese Frau eigentlich? Ach was, es soll ihr
egal sein. aber sie fühlt sich wie eine Ehebrecherin.
„Du bist so süß“, meint Daniel, während er sich anzieht.
Er muss zur Arbeit. Er arbeitet bei seinem Onkel als, sie hat es nicht richtig
verstanden, als Statiker? Er hat das Eye-Q zwar noch, aber er arbeitet nebenbei
noch woanders.
„Bin ich das?“
„Wir konnten uns doch früher immer schon gut leiden“,
behauptet er.
„Ach ja?“ Komisch, das hat sie früher nie bemerkt. Er war
immer so unerreichbar für sie, sie hat vor Schüchternheit nie den Mund in seiner
Gegenwart aufgemacht, na ja ab und zu doch... Klar, sie war auf so auf ihr
eigenes Elend fixiert, so auf die Idee ihrer Unscheinbarkeit und Unwichtigkeit,
dass jeder sich sofort schwer abgeschreckt fühlte.
Daniel macht ihr immer noch Komplimente, die sie nicht
ganz versteht, weil sie sich auf ihre Weiblichkeit beziehen. Gibt es da so
viele Unterschiede zwischen Frauen? Muss wohl so sein.
Wieder kommt er zu ihr hin, umarmt sie und küsst sie. Sie
wehrt ihn ab, sagt: „Ich habe vielleicht einen Geschmack im Mund...“ „Hast du
nicht“, sagt er, „und wenn, wäre es mir egal.“ Sie kann nicht anders und
schlingt ihre Arme um ihn und küsst ihn zum letzten Mal. Ihre Zungen dringen
tief in den Mund des anderen ein, und sie bleiben dort still... Bis Rebekka
sich losreißt.
„Ich gehe“, sagt sie zu ihm. „Ich muss mein Fahrrad
abholen.“
„Ich fahre dich hin“ er wischt ihre Einwände mit einer
kurzen Handbewegung beiseite.
Lukas liegt immer noch schlafend unter der Wolldecke, als
sie gemeinsam die Wohnung verlassen. Auch der Hund liegt mittlerweile im
Wohnzimmer, vielleicht ist es ihm im Schlafzimmer zu unruhig gewesen.
Draußen regnet es sanft. Rebekka liebt diesen sanften
Regen. Er wird sie immer an diese Nacht erinnern. Und an ihre zerwühlte Frisur
auch, warum trägt sie die Haare auch kurz, entweder sind sie irgendwo platt
gedrückt oder stehen irgendwo zu Berge.
Daniel drängt sie zu seinem Auto, es ist eine Art Pick-Up
mit einer Ladefläche hinten drauf, und er hält ihr die Tür auf.
„Sehr umweltfreundlich!“ meint sie spöttisch. Mit Autos
kann ihr kein Mann imponieren.
„Gehört meinem Chef“, sagt Daniel irgendwie
entschuldigend, und sie steigt ein.
Daniel steigt auch ein und startet den Motor. Rebekka
schaut nach rechts aus dem Fenster, um ihn nicht anschauen zu müssen.
„Soll ich sie rausschmeißen?“
„Wen? Was meinst du?“
„Na, Marissa natürlich.“
„Du Idiot! Was soll das? Bist du total übergeschnappt?“
Männer sind wirklich naiv. Kaum schlafen sie mit einer anderen Frau, denken sie
sofort, sie müssten die alte wegwerfen. Das ist nicht nett, nicht nett...
Er sagt nichts mehr, sondern schaut nur irgendwie so
traurig. Und er tut ihr doch tatsächlich leid. „Marissa ist nicht meine
Freundin.“ Das muss sie jetzt sagen. Und sie meint damit eigentlich, dass sie
nie mit dem Mann einer richtigen Freundin ins Bett gehen würde.
Er sagt immer noch nichts.
Mittlerweile sind sie beim Café Klonk angelangt, und sie
steigt aus, um auf ihrem Fahrrad nach Hause zu fahren. Aber er nimmt ihr das
Fahrrad ab und legt es auf die Ladefläche des Autos.
„Das ist wirklich nicht nötig“, sagt sie gereizt. Was
will er noch? Warum dieses Hinauszögern von diesem Unsagbaren. Warum lässt er
sie nicht allein. Dann könnte sie von ihm träumen. Nicht sehr lange natürlich.
Sie ist eine realistische Person und weiß, dass es nichts bringt, jemanden
hinterher zuträumen. Und außerdem mag sie den Regen, diesen sanften feuchten
Regen, der ihr Haar vielleicht besänftigen wird. Und sie hat zwei Tage Urlaub.
„Blödes Zeug“, sagt er. Nun gut, wenn er unbedingt darauf
besteht. Sie steigt wieder ein, denn ihr Fahrrad ist ja schon okkupiert, und
während der Fahrt schaltet er den Kassettenrecorder ein.
Hör dir das an“, meint er auf einmal nach längerem
Schweigen. „Genau das ist es!“
Sie hört unkonzentriert dem Text zu und bekommt mit: „Und
dann im Regen stehen...“ Den Rest versteht sie nicht. Dann kommt: „Nie wieder,
nie wieder, nie wieder...“
Kann sein, dass sie dieses Lied schon mal gehört hat. Ist
von Ulla, keine Ahnung - und ganz gut. Aber sie will sich nicht mit
irgendwelchen Plattentexten identifizieren. Nicht so wie Marissa mit ihrem
Marius und dem Ritter auf dem weißen Pferd – und auch nicht wie Daniel, sie
will nichts aus zweiter Hand, vor allem keine Gefühle, und im Regen steht sie
eigentlich ganz gerne.
Das Schweigen zwischen ihnen wird langsam richtig
unangenehm, und sie ist froh, als sie endlich vor ihrem Haus ankommen und sie
aussteigen kann. Er lädt ihr Fahrrad schweigend ab und setzt sich wieder ans
Steuer. Immer noch schweigend.
„Mach’s gut Daniel“, meint sie noch sagen zu müssen. Sie
fühlt ein fast unwiderstehliches Verlangen, ihn zu küssen, aber er schaut sie
nicht an, sondern starrt vor sich hin. Also greift sie sich das Fahrrad und
trägt es ohne zurückzublicken in den Keller des Hauses.
Kaum ist sie oben in ihrer Wohnung, fühlt sie einen
seltsamen Stich, als ob ihr Herz schmerzt, aber sie will nicht sentimental
sein, sie will nicht leiden. Es regnet gerade so sanft, und sie ist so müde, so
befriedigt, so erschöpft... Und die Männer sind Schweine. Obwohl, ein bisschen
netter hätte sie zu ihm sein können. Aber wozu? Er ist quasi verheiratet, seine
quasi Frau kommt bald zurück, und Rebekka ist dann Legende. Also was soll’s?
Aber es tut weh, und das will sie nicht. Außerdem ist diese Nacht sowieso aus
dem Ruder gelaufen, sie weiß nicht, wie das passieren konnte. Sie hat sich
tatsächlich fallen lassen, ganz tief fallen lassen, und das ist ihr so noch nie
passiert. Bisher hat sie immer alles unter Kontrolle gehabt, die Lust, die
meistens schal und nicht der Rede wert war und die Liebe sowieso, die war
nämlich nicht vorhanden. Aber jetzt ist es anders, was als Rache an Marissa und
Daniel gedacht war, die Verhöhnung dieser beiden als Liebespaar, das hat sich
gegen sie gekehrt und lässt sie selber leiden.
Ein paar Tage später schellt es bei ihr an der Tür, und ein Typ
begehrt Einlass. Er sucht eine Freundin von ihr. Er hat fast die gleichen Haare
wie Daniel und ähnliche Augen, er bleibt über Nacht da, und er ist fürchterlich
scharf auf sie. Fast so wie... Aber der ist Legende! Unzuverlässig! Untreu!
Jetzt hat sie jemanden, der sie wirklich liebt. Obwohl er überaus stressig ist.
Eigentlich ist er unerträglich mit seiner Arroganz, aber sie ist wohl
empfänglich für... Für ihn? Nein. Für die Liebe? Nein. Also wofür? Sie hat
keine Ahnung, und obwohl er stressig ist, bleibt sie fürs erste mit ihm
zusammen.
Nach zwei Monaten
wird ihr morgens übel. Okay, das ist nichts besonderes, manchmal ist ihr
morgens vom Saufen übel oder wenn sie ihn neben sich im Bett sieht. Aber das
ist etwas anderes, etwas Biologisches... Aber er als Vater? Dieser servile
debile und trotzdem sadistische geschwätzige Idiot? Nein danke. NIEMALS!
Sie wirft ihn aus ihrem
Leben hinaus, und sie wird ihn niemals mehr so nahe an sich heran lassen, dass
er die Wahrheit erfahren könnte. Zur Sicherheit zieht sie in eine andere
Wohnung mit einer anderen Telefonnummer, die außerdem geheim ist. Sie hat kein
schlechtes Gewissen dabei, denn dieser Typ hätte sowieso nicht genug Geld, um
die Alimente bezahlen zu können... <<<