Kapitel
II – Teil 1 FRÜHSTÜCK
Außer Andromeda, die gerade an einer Tasse Tee nippte, befand sich
niemand im Frühstücksraum.
„Hallo“, Daniel nickte Andromeda zu.
Sie lächelte ihn verlegen an und sagte auch „Hallo.“
Daniel nahm sich einen Teller und ging zum Frühstücksbüffet. Zu seiner
Überraschung fand er auch ein englisches Frühstück vor, mit Rührei, gebackenem
Schinken und gebratenen kleinen Würsten. Alles befand sich auf elektrischen
Warmhalteplatten mit großen silbernen Deckeln. Natürlich gab es auch gekochte
Eier, verschiedene Brotsorten, Brötchen, Toast, mindestens fünf – wie Daniel
nach einem kurzen Blick feststellte – Sorten Käse, ferner Marmelade, Honig,
Nusscreme, rohen und gekochten Schinken, diverse Wurstsorten und Mettwurst,
teils geschnitten, teils am Stück. Ein großes Messer lag einladend daneben.
Andromeda tauchte neben ihm auf. „Ganz schön englisch, nicht wahr?“
Sie deutete auf den gebackenen Schinken und die gebratenen Würstchen.
„Das ist wohl wahr“, Daniel grinste. „Und wie kommt ihr dazu?“
„Es ist so eine Ahnensache“, erklärte Andromeda. „Hast du das Bild von
ihr gesehen? Es ist auf dem Treppenaufgang.“
„Ach das! Stimmt, ich habe es gesehen, und irgendwie kam es mir
bekannt vor.“
„Sie war Engländerin und hat ein paar Bräuche von der Insel
mitgebracht. Manche behaupten, sie wäre eine Hexe gewesen. Aber das ist
natürlich Quatsch!“
Natürlich...“, Daniel beobachtete fasziniert, wie sie eine dicke
Scheibe von der Mettwurst abschnitt.
„Bei uns schneidet man sich die Mettwurst selber ab“, erzählte
Andromeda, „und man isst sie immer abwechselnd mit Brot.“
„Das hört sich aber sehr mächtig an“, Daniel musste lachen. „Ach ja,
ich vergaß, man nimmt hier ja nicht zu...“
„Nein, man nimmt hier eher ab...“ Während Andy auch lachte, dachte
sie: Er hat eine wahnsinnig schöne Stimme, so rau und trotzdem wohlklingend...
„Was zu beweisen wäre“, Daniel, nahm sich ein wenig Rührei, ein
bisschen von dem in Würfel geschnitten rohen Schinken, eine Scheibe Brot, ein
wenig Butter und schnitt sich ein Stück von der Mettwurst ab. „Setzt du dich zu
mir?“
„Klar doch“, Andromeda versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu
geben. „Ich hab’ aber nicht viel Zeit, muss gleich zur Schule, der Schulbus
kommt in einer viertel Stunde. Aber heute ist der letzte Schultag, und dann
hab’ ich endlich Ferien!“ Sie seufzte erleichtert auf.
„Freut mich für dich. Wo ist denn die Schule?“
„In Brunswick. Das ist ungefähr fünf Kilometer von hier.“
„Die Wurst schmeckt interessant, erinnert an Mailänder Salami“, Daniel
kannte sich in der Gastronomie ein wenig aus, er hatte schließlich selber
jahrelang eine Kneipe namens Eye-Q geführt – in seinen wilden Zeiten – bis er
die Nase voll davon hatte.
„Nein, du kriegst nichts! Gar nichts kriegst du!“ Andromeda blickte
über ihre Schulter zurück.
„Was meinst du?“ Daniel schaute sie verständnislos an.
„Alfonso kriegt nichts! Der ist ja soooo verfressen...“
„Der Tiger hier?“ Daniel beugte sich herunter zu dem strammen
Katerchen und klopfte ihm anerkennend auf den Rücken. Alfonso drückte seine
Hinterbeine fest durch und presste den hinteren Teil seines Rückens fest gegen
Daniels Hand. Aber dann erschrak er über seine eigene Kühnheit und zog sich
unauffällig zurück.
„Er hat die gleichen Augen wie du“, meinte Daniel verwundert. Und das
stimmte. Andromeda und Alfonso, beide hatten große mandelförmige graugrüne
Augen.
Alfonso stolzierte durch die Terrassentür nach draußen, sprang auf
einen Deck-Chair, der schon ein bisschen Sonne abbekam und räkelte wollüstig
seinen weißen pelzigen Bauch den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen.
„Der will nix mit mir zu tun haben“, sagte Daniel.
„Immerhin hat er dich nicht angefaucht, normalerweise ist er nicht so
nett zu Fremden.“
„Ich hatte auch mal einen Kater. Aber er ist weggelaufen,
Wahrscheinlich mochte er...“ Seine Stimme stockte, und nach ein paar Sekunden
fuhr er nachdenklich fort: „Du siehst Rebekka sehr ähnlich...“
„Findest du?“ Andromeda überlegte angestrengt, bevor sie antwortete:
„Es ist vielleicht unser Haar...“
„Kann sein“, Daniels Stimme klang vage.
„Ihr kennt euch also?“ fragte Andromeda begierig, obwohl sie schon
wusste, dass Rebekka Daniel kannte.
„Wir hatten schon miteinander zu tun...“ Daniel blickte auf das Brot
mit dem gewürfelten Schinken.
„Daniel?“
„Ja, Kitten?“
„Kitten?“ Andromeda war erstaunt über diesen Kosenamen.
„Du siehst aus wie ein Kätzchen mit diesen grünen Augen“, Daniel
lächelte sie an, was Andromeda reichlich verwirrte.
„Kitten...“, sie ließ das Wort auf der Zunge zergehen, dann raffte sie
all ihren Mut zusammen: „Sag’ mal Daniel, kannst du reiten?“
„Nicht besonders, ich hab’ in einer Art Scheune reiten gelernt, aber
das ist schon länger her.“
„Hast du Lust, einen Ausflug mit mir zu machen? Irgendwann?“
Er lächelte. „Aber ich werde nur ein paar Tage bleiben.“
„Ach Quatsch, alle bleiben länger, wenn’s geht!“
„Ach ja? Gut, dann machen wir mal einen Ausflug zusammen“, sagte
Daniel friedfertig – und dachte gleichzeitig darüber nach, ob er wirklich
länger bleiben würde. Falls ja, dann natürlich nur wegen ihr...
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Ein vorwitziger Sonnenstrahl, der durch den Spalt zwischen den
Vorhängen drang, kitzelte Rebekkas Nase.
Sie war sofort wach, und als sie hinaus auf den Balkon ging, sah sie
zwar noch ein paar Wölkchen über den Horizont wandern, aber die verschwanden
nach ein paar Minuten, und der blaue Himmel sah nun aus wie leergefegt und
frisch gewaschen. Archie hatte Recht gehabt, der Sommer war wiedergekommen...
Sie suchte sich ein paar Sachen zum Anziehen zusammen und ging ins
Badezimmer, um zu duschen. Dort fand sie ihre Tochter Morgaine vor, die sich
gerade die Zähne putzte. Die Zähne putzte? Das war wirklich erstaunlich, das
tat sie normalerweise doch nur unter Zwangseinwirkung.
„Was ist denn los mit dir?“ fragte Rebekka entgeistert.
„Ich muss das jetzt putzen!“ Morgaine lachte, und das war so
bezaubernd, dass Rebekka nicht weiter nachfragte, sondern selber zu ihrer
Zahnbürste griff.
„Und warum bist du so früh wach? Normalerweise schläfst du doch wie
ein Murmeltier“, gurgelte sie zähneputzend vor sich hin.
„Mammi, bei dir läuft was aus dem Mund raus“, lenkte Morgaine, ab, und
das bedeutete, dass sie nicht drüber sprechen wollte.
„Ist ja kein Wunder, wenn man spricht und sich gleichzeitig die Zähne
putzt...“ Manchmal dachte Rebekka, ihre Tochter wüsste mehr als sie, und das
machte sie etwas nervös. Woher hatte Morgy das? Bestimmt nicht von ihrem
biologischen Vater, der war nämlich total bescheuert gewesen...
>>> Nach der Sache mit Daniel ist sie nicht besonders gut
drauf. Natürlich denkt sie nicht mehr an ihn, es hat ja keinen Sinn, aber sie
scheint auf Männer zu stehen, die ihm ähnlich sehen. Denn ein paar Tage später
schellt jemand an, er sucht eine Freundin von ihr, er hat ähnliche Haare wie
Daniel und fast die gleiche Figur, er bleibt über Nacht da, und sie hat noch
nie jemanden so laut beim Orgasmus schreien hören und so oft. Außer
natürlich... Aber der ist unzuverlässig, untreu! Jetzt hat sie jemanden, der
sie wirklich liebt. Allerdings nervt er auf Dauer, aber sie ist wohl
empfänglich für... Für ihn? Nein. Für die Liebe? Nein. Wofür dann? Sie hat
keine Ahnung.
Ein paar Wochen später wird ihr morgens übel. Okay, das
ist nichts besonderes, manchmal ist ihr morgens vom Saufen übel oder wenn sie
ihn neben sich im Bett sieht. Doch diesmal ist es etwas anderes, etwas
Biologisches. Aber er als Vater? Dieser servile, debile, geschwätzige Idiot?
Nein, NIEMALS!
Sie wirft ihn hinaus aus ihrem Leben, sie zieht um,
ändert ihre Telefonnummer, er wird die Wahrheit nie erfahren... <<<
Rebekka musste lachen, während sie in den Spiegel guckte, sie konnte
nicht anders. Sie hatte alles so gut organisiert, Morgy war alleine IHR Kind,
und es gab keinen störenden Vater. Wozu auch? Was hatte der Vater schon groß
dazu getan?
Sie fühlte, dass Morgaine sie skeptisch ansah. Und dann sagte ihre
Tochter in dem beschwörenden Singsang, den sie so perfekt beherrschte: „Komm’
Mammi, wir gehen jetzt runter!“
„Du kannst ja schon mal vorgehen, Morgy. Aber fall’ mir ja nicht die
Treppe runter!“
„Bin doch kein Baby“, Morgaine schmollte ein wenig, aber sie trippelte
schnell aus dem Badezimmer.
Die hat’s aber eilig, dachte Rebekka erstaunt.
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Daniel sah sie sofort, als sie auf dem obersten Absatz der Treppe erschien.
Sie stand dort ruhig und gelassen, doch dann tänzelte sie die Stufen hinunter,
warf der gerahmten Engländerin eine Kusshand zu und hielt dann inne, um sich
die anderen Bilder anzuschauen. Das kam ihm so rührend ernsthaft vor, und er
fühlte sich auf einmal ganz seltsam.
Es war ein hübsches Kind, und es hatte nicht viel Ähnlichkeit mit
seiner Mutter, außer gewissen Gesten. Natürlich war Rebekka auch hübsch, auf
eine andere Art und Weise, aber das wollte sie wohl nicht wahrhaben. Warum
nicht, dachte Daniel, was ist los mit ihr? Natürlich wusste er keine Antworten
auf seine Fragen, obwohl er sich schon seit Jahren mit dem Rätsel Rebekka
beschäftigte. Er hatte sie einfach nicht vergessen können, trotz oder wegen
mancher Vergnügungen, die er sich nach ihr geleistet hatte. Sie war der
Ursprung dieser Vergnügungen, aber er hatte nie wieder das Gefühl von damals
empfunden, diese Leidenschaft und Zärtlichkeit... Ach verdammt!
Und da war nun ihre Tochter. Sie erweckte seltsame Instinkte in ihm,
aber er wusste nicht wieso. Er wusste nur, dass es eine Verbindung zwischen ihm
und Morgaine gab.
Morgaine hievte sich mit Leichtigkeit auf den Stuhl neben Andy. Sie
schaute Daniel von der Seite her an, und er schaute zurück.
„Ich will die Katze, wo ist die Katze“, sagte sie dann plötzlich.
„Hey, woher weißt du von Alfonso?“ Andromeda schaute das kleine
Mädchen fragend an.
„Ich weiß schon, wo die Katze ist“, Morgaine lächelte Daniel und Andy
zu, sie rutschte von ihrem Stuhl herunter, machte sich auf den Weg nach draußen
–
– und sah dort den wunderbarsten kleinen getigerten Kater der Welt. Er lag auf einem Deck-Chair und streckte seinen plüschigen weißen Bauch der Morgensonne entgegen. Natürlich hatte sie schon vorher gewusst, dass er der Schönste der Welt war, aber in Wirklichkeit sah er noch viel schöner aus.
Doch er hat Angst, er denkt, sie will ihn kneifen und ihm wehtun. Andere kleine Tiere haben ihm schon wehgetan. Ach, er meint Kinder. Oder meint er auch ganz große Kinder? So groß wie Mammi?
Automatisch entstand in ihrem Kopf ein Bild, in dem sie Alfonso zeigte, dass sie ihn nur ein bisschen ganz zart streicheln wollte. Alfonso war wie manche Katzen leicht telepatisch veranlagt, er verstand sie, er lief nicht weg – sondern ließ sich von dem Tier, das möglicherweise doch kein Tier war, zart über den Kopf streicheln, obwohl er dabei ein wenig zitterte, aber er zitterte nicht lange.
Sie hatte das Bild von dem Kater in seinem Kopf gesehen! Unglaublich! Daniel war ziemlich durcheinander, denn diese Sache betraf sowohl Rebekka als auch Morgaine. Konnte es sein, dass Morgaine die gleichen Fähigkeiten hatte wie er? Fähigkeiten war vielleicht untertrieben, vielleicht sollte er es Fluch nennen, denn diese Visionen und Träume überkamen ihn sogar am Tage urplötzlich, und das war manchmal schlecht, vor allem beim Autofahren. Aber wenn es da Ähnlichkeiten gäbe, wenn die Kleine möglicherweise gleich empfinden würde, dann musste er sich um sie kümmern. Er würde es nicht ertragen können, wenn Rebekkas Töchterchen das durchmachen musste, ohne Hilfe zu haben.
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Kapitel
II – Teil 2 KONFRONTATIONEN
Rebekka sah die beiden sofort, als sie die große gewundene Treppe
herunterging. Unwillkürlich stockten ihre Schritte, denn sie machten so einen
vertrauten Eindruck.
Nach einer Sekunde beruhigte sich aber ihr etwas schneller gewordener
Puls. Sie würde schon aufpassen, Andy sollte nicht auf ihn hereinfallen.
Gelassen steuerte sie auf den Tisch zu, an dem die beiden saßen.
„Hallo!“ sagte sie freundlich, ohne den Blick auf jemand bestimmtes zu
richten. „Wo ist Morgaine?“
„Sie ist draußen bei Alfi“, berichtete Andromeda und deutete auf die
Terrassentür.
„Alfi? Wer ist Alfi?“ Rebekka stellte sich unter Alfi automatisch
einen morbiden englischen Liebhaber vor, dessen Charme ihr Töchterchen gerade
verfallen war.
„Alfons ist ein Kater.“
„Stimmt, du hast mir ja gestern von ihm erzählt.“ Rebekka atmete
erleichtert aus, Morgaine war ein so undurchschaubares, ein so unverständliches
Kind, okay ein Kind eben, und manchmal hatte sie seltsame Vorlieben, zum
Beispiel den Obdachlosen aus dem Park, oder die alte Frau mit dem vielen
Müll... „Dann ist’s ja gut.“ Sie setzte sich neben Andy. „Musst du etwa zur
Schule? Du bist ja ziemlich früh wach... Und du sowieso!“ Das lächelte sie in
Richtung Daniel. Es tat gut, ihm zuzulächeln. Es signalisierte: Du bist ein
Nichts für mich, und ich werde nicht zulassen, dass du deinen Charme an Andy
auslässt!
„Oh nein, ich glaub’, ich hab’ den Bus verpasst!“ Andromeda stand
hastig auf, winkte Rebekka, Daniel und auch Morgaine und dem Tiger auf der
Terrasse zu und verschwand eilig aus dem Frühstücksraum. Eine Minute später war
sie wieder da, nahm sich zwei Scheiben Brot und ein Stück Wurst, packte das
ganze in eine der Frühstückstüten, die auf dem Tisch lagen, winkte verlegen zu
Daniel und Rebekka hin und sagte: „Ich frag’ Max, ob er mich zur Schule fährt“,
bevor sie endgültig verschwand.
„Das sieht gut aus“, Rebekka deutete auf Daniels Teller.
„Es schmeckt auch gut“, sagte Daniel. „Und man wird nicht dick
davon...“
„Ich hol’ mir auch was.“ Sie ging nicht auf die Kaloriensache ein.
„Rebekka?“
„Ja was denn?“
„Geht es dir gut?“
„Mir geht’s blendend! Und dir?“ Rebekkas Tonfall ließ vermuten, dass
es sie einen Dreck interessierte, wie es ihm ging.
„Geht so...“, sagte Daniel zaghaft. Himmeldonnerwetter, sie war ja so
mies drauf. Warum eigentlich? Er hatte ihr doch nichts getan, er hatte sich nur
in sie verliebt damals...
„Das ist ja echt toll! Wen hast du denn diesmal auserkoren? Ich hoffe,
es ist nicht Andy. Lass’ sie ja in Ruhe!“
„Bist du irre?“ Allmählich wurde Daniel sauer. Was sollte das
Gequatsche?
„Du warst doch immer schon bekannt dafür, dich in jede Tussi zu
verlieben. Wer hat’s mir noch erzählt?“ Rebekka tat so, als würde sie
überlegen. „Ach ja, es war Marissa persönlich, du bist Hand in Hand mit der
größten Schlampe vom Eye-Q an ihr vorbeispaziert.“
„Bitte, Rebekka!“
„Und danach hast du Marissa angemacht, nachdem mit Susanne endgültig
Schluss war!“, Rebekka konnte sich gut an die zarte und außergewöhnlich hübsche
Exfreundin von Daniel erinnern. Marissa wiederum war die Freundin von Susanne
und hing immer bei den beiden herum, wahrscheinlich weil sie wieder mal keinen
Macker hatte...
„Oh Gott! Ja! Habe ich gemacht. Ich fand Marissa so anders, so
freundlich, nicht so hysterisch wie Susanne.“
„Marissa ist nicht hysterisch, das stimmt. Marissa ist ja soooo
beherrscht, sie leidet nur mit den Händen.“ Rebekka machte eine händeringende
Bewegung und fügte aus tiefstem Herzen hinzu: „Marissa ist nur eine blöde
Nuss!“
Daniel musste lachen, hörte aber sofort auf damit, als er ihren bösen
Blick sah.
>>> Keiner ruft sie an. Keiner will etwas mit
ihr zu tun haben. Sie ist eben langweilig, und der Idiot, mit dem sie drei Jahre
zusammen war, der ist natürlich viel interessanter als sie. Hat sie eigentlich
noch Freunde? Zwei bis drei vielleicht, die anderen sind alle bei ihrem Ex
geblieben.
Nach ein paar Tagen der absoluten Telefonstille ruft sie
Marissa an, mit der sie ab und zu was unternommen hat. Nicht oft, denn Marissas
Gejammer ging ihr auf den Keks. Dieses Getue von wegen, warum betrügen sie mich
alle? Und dann sang sie immer ihr Lieblingslied: Der Junge auf dem weißen
Pferd, der kommt nicht mehr...
Jetzt hat sie ihn anscheinend doch noch gekriegt, den
Jungen auf dem weißen Pferd. Aber muss es ausgerechnet Daniel sein? Rebekka hat
zwar nie gewagt, von ihm zu träumen, aber sie hat ihn immer bewundert. Und dann
geht er hin und verliebt sich in Marissa, in die blöde, ewig verlassende, an
ihrer Misere absolut schuldlose Marissa? Kaum zu glauben...
Sie ruft also Marissa an und fragt, ob sie für den Abend
schon was vorhätten. Auf die Schnelle fällt Marissa wohl nichts ein, und
Rebekka kündigt blitzschnell ihren Besuch an. Marissa ist nicht begeistert, und
Rebekka weiß auch warum, denn mittlerweile gilt sie wohl als Unperson, sie hat
sich zu schnell getröstet nach dem endgültigen Scheitern ihrer Beziehung, sie
hat nicht geweint, sondern einen Tag später mit einem neuen Mann geschlafen.
Das ist unanständig, vor allem weil sie mit dem Neuen schon ein paar Wochen
später Schluss gemacht hat. Aber keiner ahnt, wie beschissen und einsam sie
sich fühlt. Oder ahnen sie es doch und ignorieren es?
Pünktlich um acht steht sie bei ihnen vor der Haustür.
Marissa lächelt verkrampft bei der Begrüßungszeremonie. Daniel lächelt nicht
ganz so verkrampft, was ihr egal sein kann, denn er hat nur Augen für seine
Marissa.
Man zeigt ihr das Schlafzimmer. Seltsamerweise ist ihr
das unangenehm. Dann geht es ins Wohnzimmer, das recht sparsam möbliert ist,
vielleicht weil sie noch auf einen Sperrmülltermin warten? Marissa ist ja
begeisterte Sammlerin von Sachen, die umsonst sind… Daniel hat einen Hund und
eine Katze, beide sollen sich prächtig verstehen, erzählt man ihr. Aber leider
ist die Katze gar nicht da, und der Hund ist sehr groß…
Daniel und Marissa sitzen ihr gegenüber auf dem Sofa.
Daniel hält Marissa im Arm, hat er Angst, sie könne ihm weglaufen?
Seltsamerweise macht sie das wütend, er kann bestimmt was Besseres kriegen als
die. Und die wird er auch nicht so schnell wieder los. Aber was soll’s? Kann
ihr egal sein. Trotzdem tut es weh, die beiden zusammen zu sehen. Warum tut es
weh? Sie weiß es nicht
Es ist ein langer Abend. Die beiden reden und reden und
interessieren sich einen Dreck für sie. Sie reden über selbstgebackenes Brot
und über Verwandte, sie reden über alles Mögliche, nur nicht über sie. Keine
mitfühlende Frage wegen ihres Befindens. Seltsam, als sie noch mit Michael zusammen
war, geizte man nicht mit Ratschlägen für die Trennung. Und jetzt hat sie sich
getrennt, und es ist auch nicht recht, Marissa beäugt sie so misstrauisch, als
wäre sie eine Bedrohung für die Institution des Zusammenlebens von Mann und
Frau. Denn immerhin lebt sie schon seit Monaten alleine, und das ohne zu
jammern...
Rebekka sitzt wie gelähmt auf ihrem Sessel. Die mit
ihrem selbstgebackenen Brot und ihrem verliebten Getue! Von denen kann sie
nichts erwarten.
Der Abschied findet schnell statt, nach dem Austauschen
von lauwarmen Lügen und vagen Verabredungen irrt Rebekka durch ihre viel zu
große und zu teure Wohnung, sie denkt flüchtig an ihren Exfreund, der ihr diese
Wohnung hinterlassen hat. Das Thema ist mittlerweile gegessen, er ist ihr total
egal, sie wundert sich vielmehr darüber, dass sie es so lange mit ihm
ausgehalten hat. Trotzdem fühlt sie sich elend, aber sie will sich nicht elend
fühlen, deswegen beschließt sie, sich ins Vergnügen zu stürzen, koste es was es
wolle... <<<
„Marissa ist wirklich eine blöde Nuss! Und du bist auch nicht besser!“ Rebekka schaute Daniel dabei voll in die Augen. Es war die Wahrheit. Der mit seinen Weibern, hatte immer schon so einen auserlesenen Geschmack! Vor allem bei Marissa, das war die größte Schlampe von allen. Ließ sich dauernd den Arsch nachtragen, ließ sich von den unmöglichsten Gestalten zum Essen einladen, die geizige Kuh! Tatsächlich war – die Erkenntnis kam ihr plötzlich – der Geiz die hervorstechendste Eigenschaft Marissas, außer natürlich einer ungemeinen Selbstgefälligkeit.
Daniel schwieg und schaute gequält vor sich hin, während Rebekka
vergnügt zum Frühstücksbüffet schlenderte und sich dort in lässiger Langsamkeit
jede Menge leckeres Zeug auf ihren Teller lud. Dann ging sie nach draußen, um
Morgaine und dem Kater ein wenig Gesellschaft zu leisten. Dem hatte sie es
gegeben, der mit seinen Frauengeschichten! Obwohl er ihr jetzt schon fast
wieder leid tat. Die Kneipenschlampe war vielleicht das Beste gewesen, was ihm
passieren konnte, denn das mit Marissa funktionierte zwar relativ lange,
ungefähr ein Jahr, aber dann ging es in die Brüche. Manchmal fragte sich
Rebekka, ob sie dafür die Verantwortung trug. Nein, sicherlich nicht, es wäre
so oder so in die Hose gegangen, und so wichtig war sie nicht...
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Kapitel
II – Teil 3 KAMPODIA
„Was hat er gesagt?“
„Ach sei doch nicht so neugierig! Was kann er schon groß gesagt
haben?“ Man merkte es Rebekka an, dass sie nicht über Daniel sprechen wollte.
„Irgendwas muss er doch gesagt haben.“
„Ich glaube, ich habe ihm keine Gelegenheit dazu gegeben“, Rebekka
fühlte sich fast ein wenig elend deswegen.
Sabine schüttelte wissend den Kopf. Rebekka war ja so eine sture
Person...
„Wen juckt’s, was er gesagt hat“, sagte Rebekka schließlich unwillig.
„Und außerdem hat er nichts gesagt! Komm’, wir gehen jetzt spazieren. Morgaine
ist noch irgendwo da unten, aber die finden wir schon.“
Natürlich fanden sie Morgaine, aber sie kam Rebekka ein wenig bockig
vor, ihr Töchterchen verlies nur ungern den Stall inklusive Kater, und Daniel
übte anscheinend auch große Faszination auf sie aus, aber Daniel war nicht mehr
da, und das war gut so.
Sie gingen den Weg am Herrenhaus entlang, Rebekka hatte ihn bei ihrer
Ankunft erspäht. Rechts vom Weg erstreckte sich eine hohe Backsteinmauer, es
musste die Mauer sein, die man von der Terrasse des Herrenhauses aus sah.
Wilder Wein rankte über die Mauer herunter. Kurz darauf führte der Weg leicht
nach links, und ein paar ältliche Häuser tauchten auf. Sie wirkten idyllisch
trotz mancher Bausünden, denn alles war wunderbar grün ummantelt, und die
Blumen in den Gemüsegärten leuchteten sommerlich bunt. Manche der Blumen kannte
sie gar nicht, obwohl sie doch auf dem Land aufgewachsen war.
„Die gibt es nicht im Blumengeschäft“, Sabine blieb stehen, um sich
die langstieligen steifen Gladiolen näher anzuschauen.
„Oh nein, Morgy, fass’ das nicht an!“ Rebekka lief schnell zu ihrer
Tochter und hielt ihr die Hände fest, damit sie den knackig runden Pferdeapfel
nicht aufheben konnte.
„Haben! Will es haben!“ Morgaine guckte ihre Mutter fordernd an. Mist,
sie hatte gerade eine ihrer Babyphasen, was Rebekka ziemlich ärgerte, Morgaine
war wirklich zu groß dafür, aber es schien ihr Spaß zu machen.
„Nein Morgy, das ist nicht gut. Das ist Babba!“ Sie musste lachen,
weil sie als Reaktion auf Morgaines Babyphase die beknackte
Erwachsenen-Babysprache anwandte, um Morgaine etwas klarzumachen. „Na ja,
eigentlich ist es Scheiße“, fuhr sie fort, „und es ist... ungesund.“
„Scheiße?“ fragte Morgaine, während ihr Gesicht gelinde Zweifel an
dieser Aussage erkennen ließ.
„Ja, Scheiße“, sagte Rebekka
Morgaine gab den Versuch auf, sich den Pferdeapfel anzueignen und
tanzte stattdessen um ihn herum, während sie vor sich hinplapperte: „Sseiße
Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße...“
„Und schon wieder ein Wort gelernt“, sagte Sabine lächelnd.
„Wie hätte ich es denn ausdrücken sollen. Als Pferdeapfel? Hinterher
hätte sie noch versucht, ihn zu essen, den Apfel...“
„Darf Bine Sseiße?“ Morgaine hatte mit dem Tanz rund um den
Pferdeapfel aufgehört und deutete mit der Hand auf Sabine.
„Nein Morgy, Sabine darf auch keine Sseiße, äääh... Scheiße“, Rebekka
kriegte allmählich die Krise.
„Mammi?“
„Nein, verdammt noch mal! Mammi auch nicht!“
Morgaine hörte gar nicht mehr auf ihre Antwort, sie war nämlich
fasziniert von einem großem, flitschig flachen Haufen, der sich, als Rebekka
näher hinsah, als ein von Fliegen umschwärmter Kuhfladen entpuppte. Hilfe!!!
„Nicht anfassen! Scheiße!“ rief sie, als Morgaine sich zu dem Fladen
hinunterbeugte und die Hand nach ihm ausstreckte.
„Ääääh?“ Morgaine schenkte ihr einen ungläubigen Blick, denn das
konnte doch nicht sein, dass das auch Sseiße war, das sah ja ganz anders aus...
„Es ist andere Scheiße“, versuchte Rebekka zu erklären, aber
Töchterchen sah sie an, als ob sie bescheuert wäre. Und Rebekka kam sich
tatsächlich auch ein wenig bescheuert vor.
„Darf Bine denn…“
„Nein, nein, nein! Und Mammi auch nicht! Und jetzt lauf’ und rede
nicht so ein dummes Zeug!“
Morgaine warf ihr einen verschmitzten Blick zu, lief nun munter vor
ihnen her und suchte nach weiterer Sseiße, fand aber nur noch diverse
Pferdeäpfel und einen winzigen Kuhfladen. Also nichts Aufregendes.
„Was für Gespräche!“ Sabine musste lachen. „Könnt ihr euch eigentlich
nur über Scheiße unterhalten?“
„Sieht so aus“, brummelte Rebekka. „Es Kuhfladen zu nennen, das wäre
schlecht, da denkt man automatisch an Fladenbrot, also an etwas Essbares...“
„Das ist ja echt ein Dilemma!“ Sabine kam gut mit Morgaine klar, aber
sie hatte noch nie drüber nachgedacht, ob sie eventuell mal ein eigenes Kind...
Und wenn, von wem?
Ein paar malerisch mit Grünzeug zugewachsene Häuser weiter standen sie
auf der Hauptstraße vor einem Hinweisschild auf den nächsten Ort. Er hieß ‚Schießheim’
und war drei Kilometer von Kampodia entfernt.
„Och, das war’s schon?“, meinte Sabine bedauernd.
„Schießheim... Da drängt sich einem doch glatt ein anderer Name auf.“
Jetzt war Rebekka an der Reihe zu lachen.
„Also wirklich, Rebekka...“ Sabine konnte nicht anders, als
hemmungslos los mitzulachen.
„Es muss hier noch einen Teich geben“, sagte Rebekka schließlich. Sie gingen auf der Dorfstraße zurück, kamen an eine Brücke und schauten auf den Mittleren Teich, den Rebekka schon vom Park des Herrenhauses aus gesehen hatte. Schwäne schwammen dort zwischen dem grünen Zeug, das Archie Entengrütze genannt hatte. Und unter der Brücke murmelte etwas, es war der Bach namens Strulle, der alle Teiche speiste, und jetzt trieb er sogar auf der anderen Seite der Straße ein Mühlrad an.
Ein Mühlrad an einer richtigen MÜHLE!.
„Oh, mein Gott“, sagte Sabine ehrfürchtig.
„Hier ist die Zeit wohl stehen geblieben“, Rebekka schüttelte
verwundert den Kopf, obwohl die Mühle eigentlich nur ein kleines Steinhäuschen
mit einem großen Mühlrad an der Seite war.
Sie folgten dem Bachlauf so gut es ging, denn er wurde immer wieder
durch ältere ärmliche Häuschen versperrt, die aber wegen ihrer abenteuerlichen
bizarren Anbauten nett und originell aussahen.
Irgendwann gab es dann kaum noch Häuser, und sie sahen ihn endlich,
den Unteren Teich. Weiden standen an seinen Ufern, er war lang gezogen, nicht
sehr breit, und ein paar Enten schwammen auf ihm herum. Aber durch die
Abwesenheit von Häusern war er wohl der schönste Teich in Kampodia. Rebekka
stellte sich automatisch die nahezu lautlose Stille und Einsamkeit vor, die
abends an diesem Teich herrschen musste. Vielleicht hörte man ein paar
Vogelstimmen oder andere undefinierbare Geräusche, bevor die Dunkelheit
vollends hereinbrach. Es war bestimmt überwältigend, vielleicht tröstlich, aber
vielleicht auch schwer zu ertragen, wenn man sich ganz alleine hier befand.
„Da hinten geht der Bach weiter“, Sabine deutete auf die lange Reihe
von Bäumen, und tatsächlich konnte man den Lauf des Baches an den
feuchtigkeitssuchenden Weiden erkennen.
„Es ist wunderschön“. Rebekka stand ganz still da, und auch Morgaine
schaute andächtig auf die Enten, die sich gerade anschickten, ans Ufer zu
klettern. Sie machten seltsame leise Quak-Geräusche dabei, und Morgaine schaute
ihnen verzückt zu.
„Dann sollten wir jetzt das Obere Dorf erkunden.“ Sabine brach den
Zauber, und Rebekka stimmte ihr wortlos zu. Sie gingen zurück, und diesmal
nahmen sie nicht den Weg entlang des Gutshofs, sondern folgten einfach der
Dorfstraße, Rebekka hielt Morgaine an der Hand, denn ab und zu kam ihnen ein
Auto entgegen – und tatsächlich erreichten sie nach fünf Minuten die Stelle, wo
Rebekka zum ersten Mal den Oberen Teich und das Herrenhaus gesehen hatte, dort
wo es nur nach rechts oder nach links gegangen war.
„Allmählich blicke ich durch“, sagte sie zufrieden.
Alte Frauen saßen auf Bänken vor ihren Häusern und grüßten freundlich,
als sie vorbeigingen. Sie grüßten zurück.
Dieses Jeden-und-alles-grüßen war gewöhnungsbedürftig, aber eigentlich
nicht übel. In Rebekkas Stadt waren die Nachbarn froh, wenn man sie nicht mit
Grüßen, geschweige denn mit Gesprächen belästigte. Normalerweise fand Rebekka
das auch gut, aber manchmal verspürte sie das Bedürfnis nach ein wenig mehr
Freundlichkeit.
„Hier kennt jeder jeden“, sagte sie zu Sabine. „Und ich schätze mal,
die wissen alle ganz genau, wer wir sind. Bis ins Detail...“
„Alles wissen sie natürlich nicht“, sagte Sabine vielsagend. „Das wäre
ja noch schöner...“
„Genau!“
Das Obere Dorf war bei weitem nicht so romantisch wie das Untere, aber dafür war es sehr viel größer. Von der Hauptstraße gingen zwei neuere Straßen ab, doch entlang dieser Straßen wurden die Häuser immer moderner und nichtssagender. Sie kehrten nach kurzen enttäuschenden Ausflügen schnell auf die alte Hauptstraße zurück, an der fette Gehöfte lagen, die mit Schiefer behangen waren oder altes Fachwerk hatten. Sie kamen vorbei an einem winzigen Supermarkt mit Postabteilung, einem Elektroladen, einer Art Boutique und einer Metzgerei.
Schließlich erreichten sie die kleine unauffällige Bäckerei, die quasi
am anderen Ende des Dorfes lag, nämlich dort, wo es zum nächsten Ort
„Landsende“ ging.
Sabine blickte Rebekka fragend an. „Sollen wir mal reingehen?“
„Klar, warum nicht.“
Als sie die Tür öffneten, erklang ein leises altmelodisches
RING–RING–RING.
Es roch so, wie es nur einer uralten Bäckerei riechen konnte, eine in
der seit mindestens hundert Jahren gebacken wurde.
Aus der Backstube kam eine mollige ältere Frau heraus und nickte ihnen
freundlich zu.
„Einen schönen guten Morgen! Sie sind zu Besuch auf dem Gut, nicht
wahr?“ Sie schaute Rebekka kurz an und setzte hinzu: „Sind Sie vielleicht mit
Claudia verwandt? Sie sehen ein bisschen aus wie sie.“
„Nein, ich bin nicht mit ihr verwandt“, Rebekka schüttelte den Kopf.
„Ich dachte nur so... Also, was möchten Sie? Ich habe gerade frischen
Butterkuchen gemacht, der ist wirklich gut.“
„Jaaaa“, hauchte Morgaine liebreizend und drückte ihre Nase an die
gläserne Vitrine, in der nicht viel zu sehen war, außer ein paar Brötchen und
paar Gläsern Marmelade.
Rebekka merkte erst ein paar Augenblicke später, dass die Frau nicht
Andy genannt hatte, sondern Claudia Mansell. Aber die sah doch total anders aus
als sie, mit ihrem blonden Haar, und außerdem fiel ihr diese angebliche
Ähnlichseherei allmählich auf den Keks. Demnächst sah sie noch Archie
ähnlich...
Die Frau nahm Morgaines gehauchtes Jaaaa als Aufforderung, in der
Backstube zu verschwinden. Nach kurzer Zeit kam sie wieder heraus mit einem
Papptablett, das mit weißem Papier abgedeckt war.
Sie wollte kein Geld annehmen, sondern drückte Rebekka das Tablett in
die Hand mit den Worten: „Dann guten Appetit!“
„Vielen Dank“, sagte Rebekka ganz perplex, „und einen schönen Tag
noch.“
„Wie können die hier überhaupt was verdienen?“ meinte sie verwundert,
als sie ein paar Meter vom Laden weg waren. „Sind die etwa alle miteinander
verwandt?“
„Ich fand’s nett“, sagte Sabine leise, ihre Nase nahm den Duft des Butterkuchens wahr, der sich durch das Papier hindurch einen Weg nach draußen suchte. „Er riecht so gut... Ich brauche frischen Kaffee dazu!“
„Ich glaube, an der Bar stand eine Kaffeemaschine mit allem, was dazu
gehört“, erinnerte sich Rebekka.
„Gut, dann also ab nach Hause, ach du lieber Himmel, jetzt sag’ ich
schon ‚nach Hause’, das ist irre!“
„Dieser Ort hat seltsame Fähigkeiten“, Rebekka wunderte sich auch ein
bisschen. „Aber die Vorstellung ist schön: Wir setzen uns nach draußen und
essen Kuchen.“
„Erst den Kaffee machen und dann nach draußen setzen!“
„Okay! Und was machen wir später?“ fragte Rebekka
„Ich werde mir den Garten anschauen, ich mag diese riesigen alten
Bauerngärten.“ Sabine hatte einen verträumten Ausdruck im Gesicht.
„Und ich werde mir die Bibliothek anschauen, die ist bestimmt
hochinteressant“, sagte Rebekka, die eine Zeitlang ihren Bedarf an Büchern in
der öffentlichen Stadtbücherei gedeckt hatte. Leider hatte sie jetzt kaum noch
Zeit zum Lesen. „Kommst du mit, Morgy?“
„Och, weiß nicht“, Morgaine druckste ein bisschen herum.
„Ach ja, es interessiert dich bestimmt nicht. Willst du denn mit
Sabine gehen?“ fragte Rebekka aufmunternd.
„Och, nein, ich will zu Tante Claudi!“
„Na gut, dann geh’ zu ihr.“ Morgaine wollte also bei dieser ihr
wildfremden Frau bleiben. Aber Rebekka hatte festgestellt, dass Morgaine sich
niemals in Menschen täuschte, sie hatte das absolute Händchen, beziehungsweise
Köpfchen dafür, wem sie vertrauen konnte und wem nicht. Ich wünschte, ich hätte
das auch, dachte sie.
„Ich könnte mich jetzt schon ärgern, dass ich am Freitag wieder nach
Hause muss.“ Sabines Stimme klang bedauernd.
„Der Geburtstag von deiner Mutter?“
„Ja, aber das ist schon okay. Und du, du willst doch bestimmt hier
bleiben?“ Es klang eher nach Feststellung als nach Frage, so wie Sabine das
sagte.
„Ich denke ja, irgendwie fühle ich mich hier wohl...“ Rebekka hatte
bis jetzt gar nicht gewusst, dass sie hier bleiben wollte. Aber es war so,
dieser Ort hielt sie fest, aus was für Gründen auch immer.
„Wir haben ja erst Montag“, versuchte sie Sabine zu trösten. „Aber wie
kommst du nach Hause? Willst du das Auto haben?“
„Nicht nötig. Ich schaff’s schon irgendwie. Ich fahre vielleicht mit
Georg und der.... äääh Schnorrergurke zurück.“
„Okay, hört sich gut an“, sagte Rebekka, aber dann fiel ihr ein: „Und
wie kommt Daniel dann nach Hause?“ Seltsamerweise nahm Rebekka fest an, dass
Daniel auch bleiben würde.
„Ist mir doch egal!“ Dann stutzte Sabine. „Er bleibt also hier? Hat er
das gesagt?“
„Warum sollte er hier bleiben?“ fragte Rebekka nun unschuldig.
Sabine fing an zu lachen.
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KAPITEL
II – Teil 3 STALLUNGEN
Ab und zu hörte man ein leises Prusten, Wiehern und Rascheln. Der
aufwirbelnde Staub war sonnendurchflutet, denn durch die kleinen Fenster drang
immer noch genügend Licht herein, um den Stall bis in die letzten Winkel zu
erhellen.
Ein Schmatzen erregte Daniels Aufmerksamkeit. Er ging die lange Reihe
von Pferdeboxen dem Geräusch nach und wurde schnell fündig. Die hintere Ecke
des Stalls war für Schweine reserviert. In einem großen Verschlag lag eine
riesige fette Sau, an der ungefähr zehn winzige Schweinchen herumnuckelten.
Über der schweinischen Familie befand sich eine so genannte Ferkellampe, die den
kleinen Schweinchen zusätzliche Wärme spenden sollte. Die anderen Ställe waren
leer. Ihre Insassen hatten Freigang und grunzten, wie Daniel sich erinnerte,
auf einer eingezäunten Wiese hinter der kleinen Kirche herum.
Schinken und Mettwurst kommen also von euch, ihr armen Schweine,
dachte Daniel mitleidig. Die kleinen Würmer würden schnell erwachsen werden und
dann ihr Leben lassen müssen.
Er ging wieder zurück und schaute sich links und rechts die Pferde an.
Obwohl er nicht viel Ahnung von Pferdedingen hatte, sah er doch, dass es sich
um stattliche gepflegte Exemplare handelte. Archie hatte ihm gestern Abend
erzählt, dass Max ein wenig züchtete, er nahm warmblütige Pferde, wie zum
Beispiel Hannoveraner und kreuzte sie mit Mustangs, den ehemaligen wilden
Indianerpferden, bei denen es sich eigentlich auch nur um verwilderte
Hauspferde handelte, die den Spaniern im 16. Jahrhundert ausgebüchst waren.
Diese Züchtungen erfreuten sich großer Beliebtheit bei Pferdenarren, sie
vereinten die Robustheit der angeblichen Wildpferdrasse mit dem Springvermögen
der europäischen Warmblüter.
Ein tiefschwarzer Rappe prustete unruhig, und in der Box daneben
träumte ein braun-weiß-schwarz gescheckter Mustang vor sich hin. Hinter ihm sah
Daniel etwas Weißes. Ein kleineres Tier vielleicht? Es schlief wohl, und es war
mit Sicherheit kein Pferd und auch kein Pony.
Die meisten Pferde gehörten nicht zum Gutshof, man hatte sie quasi
hier geparkt, sie wurden hier versorgt, gepflegt und auch geritten. Das hatte
Andromeda ihm erzählt, als sie aus der Schule kam. Sie hatte dabei seltsam
verlegen gewirkt.
Daniel erblickte eine Tür, die nur angelehnt war, er öffnete die Tür
und befand sich in der Reithalle, das heißt in einem schmalen Gang für die
Zuschauer, der durch eine brusthohe Holzbalustrade von der eigentlichen
Reithalle abgetrennt war.
Zur Linken führte eine Holztreppe nach oben, und er entschloss sich
nach kurzem Zögern, die Treppe hinaufzugehen.
Zu seinem Erstaunen endete die Treppe an einer Theke aus groben Balken
mit genauso groben Barhockern davor. Und es standen auch noch zwei Tische mit
Holzstühlen an der anderen Seite der Theke. Tatsächlich konnte man von den
Tischen aus hinunter in die Reithalle schauen. Auch hier gab es eine
Holzbalustrade, die dafür sorgte, dass man nicht hinunterfallen konnte.
Praktisch, dachte er. Wirklich praktisch! Ein Reiterstübchen! Das war
saumäßig gut. Ob’s denn auch was zu trinken gäbe? Das wäre dann spitzenmäßig
gut!
„Na Daniel, gefällt’s dir?“ Archibald von Kampe betrat nach ihm das
hölzerne Gemach, das bestimmt einmal ein Heuboden über dem Stall gewesen war.
„Es ist wirklich allerliebst“, sagte Daniel gelassen. „Gibt‘s hier
auch was zu trinken? Könnte ja sein, dass ich mich vor meinen Reitstunden ein
wenig locker machen muss...“
„Lockerheit kann nicht schaden.“ Archie begab sich hinter die Theke,
öffnete den großen Kühlschrank, der hinter der Theke stand, holte zwei Flaschen
Bier heraus und machte sie auf.
„Du musst nur aufpassen, dass du nicht zu locker wirst...“ Archibald
lachte auf und reichte Daniel eine Flasche. „Das ist übrigens unser hauseigenes
Bier.“
„Es ist okay“, meinte Daniel, nachdem er einen kräftigen Schluck
genommen hatte. Das war nicht gelogen, das Bier schmeckte richtig nach Bier,
war aber nicht so herb, dass jeder andere Geschmack dadurch totgeschlagen
wurde, und es hatte, so hoffte Daniel jedenfalls, genug Alkohol intus, um einen
ein bisschen besoffen zu machen.
Beide tranken genüsslich ihre Flaschen leer.
„Was meinst du, Daniel, hast du Lust, mal einer Bierprobe
beizuwohnen?“ Wie ein geschmeidiger Panter holte Archibald zwei neue Flaschen
aus dem Kühlschrank.
„Eine Bierprobe?“ Daniel musste nicht lange überlegen. „Das würde mir
gefallen. Das würde mir sogar sehr gefallen.“
„Wäre dir es morgen recht?“ fragte Archie.
„Klar, ich habe noch nichts vor. Ist bestimmt interessant.“
„Am Anfang ja, hinterher ist es einfach nur lustig...“ Archibald
musste laut auflachen, weil er wohl an etwas sehr Lustiges gedacht hatte.
Leises Hufgetrappel war zu hören. Ein Pferd wurde gerade in die Reithalle geführt, und Daniel schaute interessiert hinunter. Wenn er jemanden beim Reiten zusehen konnte, würde er sicher was lernen, denn seine Reitkünste waren wirklich nicht berauschend.
Bei der Person, die das Pferd in die Reithalle führte, handelte es
sich um Andromeda. Wieder war Daniel verwundert über die Ähnlichkeit, die sie
von weitem mit Rebekka hatte.
Andromeda saß mühelos auf, und das Pferd fiel in einen leichten Trab.
Daniels Augen folgten ihr fasziniert. „Sie hat eine tadellose Haltung“,
meinte er anerkennend zu Archie.
„Das hat sie, das arme Kind.“
„Wieso armes Kind?“ fragte Daniel.
„Hat Max dir nicht erzählt, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben
ist?“
„Nein, eigentlich nicht.“ Hatte Max ihm davon erzählt? Falls ja, dann
konnte Daniel sich nicht daran erinnern.
„Gut, dann erzähle ich es dir jetzt. Kurz nach Kassiopeias Tod“,
Archibald räusperte sich und fuhr dann gelassen fort, „besorgten wir Andromeda
eine Amme, es war Tante Bernadettes Tochter, die ihr Kind noch stillte. Tante
Bernadette ist meine älteste Schwester, sie arbeitet jetzt hier als Köchin.
Aber ihre Tochter ist dann ganz plötzlich an einer Pilzvergiftung gestorben,
und ihr Baby kurz darauf auch! Es war furchtbar, Bernadette wurde sogar
verdächtigt, am Tode ihrer Tochter und ihres Enkelkindes schuld zu sein. Es gab
natürlich keinerlei Beweise, alles war vollkommen absurd...“ Man konnte Archie
seine Empörung ansehen. „Jedenfalls mussten wir Andromeda mit der Flasche
großziehen. Und sie hat es prächtig überstanden...“
„Das ist gut!“
„Aber dann, Herrgott noch mal, passierte wieder etwas, manchmal denke
ich, das war wirklich zuviel Unglück auf einmal“, sagte Archibald nachdenklich.
„Wie Murphys Gesetz – wenn etwas schief geht, dann geht wirklich alles schief.“
„Hört sich seltsam an“, meinte Daniel ein wenig geschockt, „aber
Andromeda hat es anscheinend überstanden.“
Archie schaute ihn ernst an. „Gut, Andy ist ein gesundes kräftiges
Baby geworden, doch als sie etwa ein Jahr alt war, wurde sie entführt. Kein
Mensch weiß, was damals passiert ist.“
„Scheiße!“
„Aber wir hatten Glück. Nach drei Tagen wurde sie im Wald entdeckt,
zwar stark unterkühlt und abgemagert, aber sie lebte, und sie hat sich
unheimlich schnell wieder erholt. Es war übrigens Max Lakosta, der sie gefunden
hat. Damals war der Junge erst fünfzehn, na ja, fast sechzehn.“
„Das grenzt ja an ein Wunder“, sagte Daniel erstaunt. Wieso hatte Max
ihm eigentlich nie davon erzählt?
„Ich hatte gerade wieder geheiratet. Ein Mädchen aus dem Dorf. Ich
wollte Andromeda eine neue Mutter verschaffen.“
„Ja und?“
„Kassiopeia war natürlich die große Liebe meines Lebens. Ich war
fünfunddreißig, als ich mich in sie verliebte, und sie war zwanzig.“ Archibald
lächelte, aber seine Augen blickten traurig. „Wie auch immer, ich heiratete
kurz nach ihrem Tod Sirza, sie war eine Freundin von Kassiopeia und eine sehr
begehrenswerte Frau. Aber leider musste ich feststellen, dass sie nicht der Typ
war, Mutter zu sein. Zwei Jahre später verlor sie ihr eigenes Kind, unser Kind.
Und danach hat sie es aufgegeben, sich um Andy zu kümmern.“
Daniel schaute Archie wortlos an. Wahre Abgründe wurden ihm hier
enthüllt. Eine seltsame Familie war das, und anscheinend schien der Nachwuchs
hier extrem gefährdet zu sein.
„Jetzt ist Andromeda der einzige Erbe der von Kampes“, Archie seufzte
auf. „Es gibt kein anderen Nachkommen mehr in unserer Familie. Das Kind meiner
jüngeren Schwester Claudia kam 1970 tot zur Welt. Sie leidet noch heute
darunter...“
Daniel wusste nicht, was er sagen sollten und schaute hinunter zu der jungen Andy mit der bestechend tadellosen Haltung, sie dirigierte ihr Pferd so perfekt, dass man gar nicht sehen konnte, wie sie es eigentlich machte. So etwas nannte man Reitkunst. Armes Ding, dachte er mitleidig, du hast schon viel mitgemacht.
Daniel sah, dass sein Freund Max, der große schwarzhaarige Verwalter
des Gutes in die Halle gekommen war, sich über die Balustrade gelehnt hatte und
Andromeda beim Reiten zusah. Auf seinem Gesicht lag ein undefinierbarer
Ausdruck, möglicherweise eine Mischung aus Verlangen, Zuneigung und
Resignation. Jedenfalls kam es Daniel so vor.
„Max hat es abgelehnt, die Belohnung anzunehmen, die wir damals
ausgesetzt hatten. Er ist sehr stolz und hat sein Studium selber finanziert.
Wir waren froh, dass er sich entschlossen hat, für uns zu arbeiten, denn er
hatte genug andere Angebote.“ Archibald war offensichtlich sehr von Max
angetan.
Daniel wunderte das nicht, Max war so wahnsinnig zuverlässig und vertrauenswürdig.
Er war sein Freund, und daran konnten die Jahre, in denen sie sich nicht
gesehen hatten, nichts ändern. Er musste sich unbedingt näher mit ihm
unterhalten, denn bis jetzt war das unmöglich gewesen, gestern beim Abendessen
sowieso nicht. Und tagsüber schien er nicht viel Zeit zu haben. Es kam Daniel
fast so vor, als ginge Max ihm aus dem Weg.
„Und was ist mit deiner Frau? Wo steckt sie?“ meinte er Archie fragen
zu müssen, obwohl es ihn nicht sonderlich interessierte.
„Zirza ist Geschäftsfrau.“ erklärte Archie ihm. „Sie hat mehrere
Boutiquen in der Hauptstadt, und sie fühlt sich dort bestimmt wohler als hier
in unserem Provinznest...“
Daniel dachte nach. Zirza war ein seltsamer Name, der ihm irgendwie
bekannt vorkam, obwohl er nie eine Person dieses Namens gekannt hatte. Archie
und seine zweite Frau schienen nicht gerade ein inniges Verhältnis zu haben.
Aber das konnte er natürlich nicht beurteilen, vielleicht war es die
glücklichste Ehe der Welt. Es hatte was für sich, so weit voneinander entfernt
zu leben. Das hielt die Leidenschaft wach und wirkte der ehelichen Abstumpfung
entgegen. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Bei Marissa nämlich hatte
auch die größte Entfernung nicht ihre Leidenschaft entfachen können...
„Zirza ist nicht jedermanns Sache“, Archibalds tiefe sonore Stimme
riss ihn aus seinen Überlegungen. „Entweder man verfällt ihr – oder man
verabscheut sie. Nein das ist nicht ganz richtig: auch wenn man sie
verabscheut, kann man ihr verfallen.“
„Da sie deine Frau ist, werde ich sie wohl nicht verabscheuen können…“
Daniel musste lachen, er hatte trotz der kurzen Zeit, die er Archie kannte, ein
recht vertrautes Verhältnis zu ihm, sie verstanden sich so gut, dass sie sich
einiges sagen konnten.
„Man kann nie wissen“, sagte Archibald nachdenklich.
Daniel suchte Max mit seinen Augen und fand ihn nicht mehr. Max hatte
seinen Posten an der Bande verlassen und war wohl gegangen.
„Sie reitet wirklich gut. Schade, für mich ist es wohl zu spät, um
richtig gut reiten zu lernen“, sagte Daniel schließlich, nachdem er einen
weiteren Schluck von dem Bier genommen hatte.
„Rebekka ist eine sehr reizvolle Frau, nicht wahr?“ sagte Archie nach
einer Weile und nahm seinerseits einen großen Schluck aus der Bierflasche.
„Ja, das ist sie“, sagte Daniel schließlich nach einer längeren Pause
nachdenklich und schaute Archie argwöhnisch an. Er hatte doch wohl nicht vor,
Rebekka anzumachen?
„Und ihre Freundin natürlich auch“, Archie lächelte, „beide sind einfach wundervoll.“
Daniel fiel nun wirklich aus allen Wolken. Er hatte tatsächlich
angenommen, Archie wäre ein treuer Ehemann, der nicht irgendwelchen fremden
Frauen nachsteigen würde. Was für ein Irrtum! Andererseits hatte er selber ja
auch schon... Aber zumindest war er nicht verheiratet gewesen, doch das machte
die Sache nicht besser...
„Sag’ mal Archie, tust du das öfter? Ich meine, anderen Frauen den Hof
machen?“
„Eigentlich nicht.“ Archie sah verlegen aus. „Na gut, alle paar Jahre
vielleicht mal, aber es kommt wirklich nicht oft vor.“
„Und deine Ehe?“ Daniels Stimme klang irgendwie anklagend.
„Wir führen keine normale Ehe. Wir führen jeder unser eigenes Leben,
und ich habe oft genug über Scheidung nachgedacht.“ Archibald starrte vor sich
hin, tief in Gedanken versunken.
„Dann solltest du das mal in Angriff nehmen“, sagte Daniel
streitlustig. „Ich will nämlich nicht, dass Rebekka oder sonst wer verletzt
wird!“ Irgendwie schien Rebekka immer auf die falschen Männer hereinzufallen.
Nur bei ihm war es anders, er war der Richtige für sie, das wusste er, aber ausgerechnet
ihn lehnte sie ab, und er konnte es ihr nicht verübeln. Was hatte er früher
eigentlich für einen Mist gebaut, unglaublich!
„Das würde ich nie tun“, Archibald wirkte überzeugend. „Ich befürchte
nur, Zirza würde mich im Falle einer Scheidung ausnehmen wie eine
Weihnachtsgans, ich müsste wahrscheinlich das Gut verkaufen. Aber Andy liebt
es, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie anderswo leben könnte.“
„Sie hat dich in der Hand? Das ist wirklich eine tolle Ehe!“
„Da hast du verdammt noch mal recht!“ sagte Archie und trank seine
Flasche in einem Zug aus.
Daniel hing seinen Gedanken nach. Andromedas Stiefmutter interessierte
ihn nicht besonders. Wirklich interessieren tat ihn im Augenblick nur eines:
Was wollte Archie von Rebekka? Und wie würde Rebekka auf Archies Anmache
reagieren? Stand sie auf ältere Männer? Wie alt war der Typ, den sie fast
geheiratet hätte?
Er hatte durch gemeinsame Bekannte erfahren, was sie so trieb, und als
er hörte, dass sie an Heirat dachte, war er ziemlich fertig gewesen. Es
erschien ihm so endgültig, so vollkommen weg aus seinem Leben. Vage schwebte
ihm vor, sie bei ihrer Hochzeit zu entführen, wie in einem Hollywoodfilm, aber
er hatte Angst vor ihrer Reaktion. Dann erfuhr er, dass sie doch nicht
geheiratet hatte – und regte schließlich Max an, ein paar Leute nach Kampodia
einzuladen. Geniale Idee! Dort ergab sich vielleicht die Möglichkeit, ihr näher
zu kommen. Wie alt war Morgaine wohl? Er schätzte sie auf vier Jahre, und
plötzlich schoss ihm das Blut in die Wangen, und es wurde ihm mächtig heiß.
Konnte es sein, dass sie von ihm war?
„Was ist mit dir?“ fragte Archie besorgt
„Muss wohl an dem Bier liegen“, sagte Daniel zerstreut, und Archie
hakte nicht weiter nach.
Was wäre, wenn das Mädchen Morgaine wirklich sein Kind wäre? Diese
Gabe, die sie hatte, oder besser gesagt, diesen Fluch, den hatte er auch, wenn
auch in abgeschwächter Form. Konnte sich so etwas vererben, oder passierten
solche Dinge einfach? Andererseits war es schon sehr seltsam, dass er sie seit
ungefähr vier Jahren hatte, diese seltsamen Träume und diese seltsamen Bilder
in seinem Kopf. Konnte es sein, dass es mit Morgaines Geburt angefangen hatte?
Oder sogar schon vorher? Er erinnerte sich schwach an einen warmen schwarzen
Raum, er lag in einer warmen Flüssigkeit, und von weitem hörte er gedämpfte
Geräusche. Wenn sie vier Jahre alt war, dann konnte es hinkommen. Und
wahrscheinlich hatte er gar keine eigenen Visionen, sondern sie stammten alle
von Morgaine...
Von diesem Ausflug in den Stall kehrte Daniel ziemlich verwirrt in
sein Zimmer zurück. Er musste Rebekka fragen, er wollte es wissen. Aber würde
sie es ihm sagen? Sie schien ja keinerlei Wert auf ihn zu legen. Er entschloss
sich, erst einmal nichts zu tun, sondern sie zuerst milde zu stimmen, denn im
Augenblick war sie so abweisend, dass es ihm richtig wehtat.