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1:0 für REICH und SCHÖN?
Wofür lohnt es sich denn zu leben? Zu sterben? Zu kämpfen?
Nur für die Liebe.
Alles andere ist nichts dagegen.
Reichtum, Erfolg, Macht.
All das ist nicht wichtig.
Nur für die Liebe lohnt es sich, zu leben, zu sterben und zu kämpfen.
(Brooke Logan Forrester in der Soap ‚Reich und schön’)
Ist das nicht schön? Ist das nicht reich? Sind das nicht gewaltige universelle Worte? Wer hätte gedacht, dass es aus einer Seifenoper stammt, genauer gesagt aus der erfolgreichsten Seifenoper der letzten Jahre. Dabei hört sich so fantastisch wahr an, dass einem fast die Tränen kommen.
Leider dümpelt die Handlung in dieser Soap so vor sich hin, und meistens unterhalten sich die Mitwirkenden über andere Mitwirkende. Ungefähr so:
Sally Spektra zu ihrem Chefdesigner Clark Garrison (der früher mal ihr Ehemann war und dem sie ein Kind abgetrotzt hatte kurz vor Einsetzen ihrer Menopause) mit ihrer tiefen spöttischen Stimme: „Sag mal Clarkie, hast du schon gehört, dass Brooke Logan Forrester Ärger mit ihrem Mann hat. Mit Thorne? Warum hat er sie nur geheiratet? Er musste doch genau wissen, dass sie nur Ridge, seinen Bruder liebt.“
Clark Garrison, den das anscheinend überhaupt nicht interessiert: „Lass doch diese Leute in Ruhe, Sally. Du weißt doch genau, die Forresters bringen Unglück. Halte dich besser fern von ihnen.“
Das ist natürlich ziemlich kostensparend und billig gedreht – gut für den Produzenten... Aber warum höre und sehe ich mir das an?
Jaaa, in Gottes Namen gestehe ich also: Ich bin süchtig nach ‚Reich und schön’. Und ich weiß, das ist pervers, aber es ist nun mal eine Sucht, und wer könnte eine Sucht rationell erklären? Möge man mir diese Sucht verzeihen.
Leider aber muss ich tagsüber arbeiten, und leider kommt diese Seifenoper morgens um elf Uhr auf dem ZDF (ja das ist der Ollie-Kanal – Traumschiff, Wetten dass und so weiter), und ich muss sie immer mit dem Videorekorder aufnehmen. Diese Soup ist für mich übrigens der einzige Grund, diesen Videorekorder am Leben zu erhalten. Weiß Gott, ein Videorekorder ist durch nichts zu ersetzen, auch durch die neuen DVD-Recorder nicht, die sind einfach zu aufwändig und zu komplex zu bedienen, will heißen, ich kapier das nicht und hab auch keine Lust, mich damit zu befassen.
Das Aufnehmen der Folgen kann natürlich auch in die Hose gehen, denn wenn man den falschen Tag oder sonst irgendeinen Mist einprogrammiert hat, dann steht man ziemlich blöde da nach der Vorfreude.
Aber am schlimmsten sind die Tage, an denen man alles richtig einprogrammiert hat und dann nach Hause kommt und feststellt, dass das ZDF (also ein Öffentlich-Rechtliches-Programm – was auch immer das heißen mag) nicht ‚Reich und schön’ gesendet hat, sondern elendig nervigen Skilanglauf oder die Verabschiedung eines Bundesverfassungsrichters, der in Pension gegangen ist. Also wirklich! Kann mir einer sagen, wen zum Teufel das interessieren soll?
Jedenfalls ist der Tag im Eimer. Es gibt nämlich keinen Ersatz für ‚Reich und Schön’. Es ist ja so genial! Allein schon die Folge, als Taylor im Krankenhaus ihre Zwillinge zu Welt brachte:
Taylor (sie ist die Frau von Ridge, den wiederum Brooke so innig liebt) fällt bei der Geburt ihrer Zwillinge, geschwächt von einer eklig resistenten Tuberkulose, die sie sich von einem Landstreicher, dem sie Gutes tun wollte, geholt hatte, in ein viertelstündiges Koma...
Über diese Folge unterhielt ich mich mit einer Arbeitskollegin von mir.
Ich: „Äääh, hast du gestern geguckt?“ Ich muss gestehen, das Thema dieser Seifenoper ist mir ein wenig peinlich, vor allem wenn im Büro neugierige Ohren alles mitkriegen.
„Klar“, meine Arbeitskollegin war sofort im Bilde. „Also, ich bin zwar keine Ärztin“, meldete sie ihre Zweifel an, „aber das glaub ich einfach nicht. So ein langes Koma! Da muss man doch schwer hirngeschädigt sein – falls man noch mal aufwacht...“
Klar, jeder andere wäre vielleicht hirngeschädigt nach solch einer Tortur aber nicht unsere Leute aus ‚Reich und schön’. Die sind hart im Nehmen.
Natürlich pflichtete ich ihr bei und hatte dabei die Szenerie im Kopf:
Ridge, Taylors Ehemann stand weinend neben ihrem Bett. Ferner zwei Ärzte, diverse Krankenschwestern, und dann kam der Rest der Familie dazu, ihre Schwiegermutter Stefanie, ihr Schwiegervater Eric und sogar ihre bisher größte Feindin, nämlich Brooke, die es immer auf Ridge abgesehen hatte, alle betraten den OP (ist anscheinend in den Krankenhäuser der USA ein ganz normaler Vorgang).
„Also, wenn ich Arzt wäre, hätte ich die alle rausgeschmissen!“ empörte ich mich.
„Oh Gott, das ging wirklich zu weit“, stimmte meine Arbeitskollegin mir zu. „Hast du übrigens gesehen, wie Taylor aus ihrem Körper rauskam und sich selber von oben sah? Oh Gott nein! Huch, was war denn das? Etwa ein Engel?“ Sie schüttelte sich leicht, und trotz ihrer Bedenken sahen ihre Augen ein wenig feucht aus. Und das, obwohl meine Arbeitskollegin eine rigorose Verweigerin ist so im Glauben an ein Leben nach dem Tode.
„War ziemlich unglaubhaft“, musste ich zugeben, während auch ich ein bisschen mit meinen Tränen kämpfte.
„Sie kam zurück. Nein, das konnte ich nicht glauben!“ Meine Arbeitskollegin war ziemlich entrüstet. „Da hab’ ich doch tatsächlich umsonst geflennt...“
„Das ist alles total unrealistisch“, sagte ich zu ihr. „Ich glaub, ich guck mir das nicht mehr an.“
„Ich auch nicht!“
„Aber es ist wie Nikotinsucht. Die Zigaretten schmecken dir zwar nicht mehr. und du weißt, es ist schlecht für dich, aber du steckst dir immer wieder eine an, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch wieder schmecken.“
„Hmmm“ sagte meine Arbeitskollegin irgendwie grimmig. Sie hatte zwar noch nie geraucht, aber vielleicht hatte sie dafür andere verborgene Laster.
Während wir beide grübelnd schwiegen, wuchs in mir der Vorsatz, es am nächsten Tag auf jeden Fall wieder aufzunehmen, denn der Entzug war zu entsetzlich, und noch so einen verlorenen Tag könnte ich nicht ertragen.
Aber am nächsten Tag war es wieder in die Hose gegangen (ich glaube, sie zeigten die Einführungsrede der neuen konservativen Obersten Verfassungsrichterin), mein Frust wuchs ins Unermessliche, und ich hatte das Gefühl eines grauenvollen geistigen und gefühlsmäßigen Mangels.
Als Ersatz griff ich mir DAS Buch. Ich hatte es vor einem Monat als billige preisreduzierte Remittende erstanden. Wirklich sehr billig erstanden. Es war ein ziemlich dickes Buch, hübsch anzusehen mit seinem in rotem Kunstleder und Gold geprägten Einband. Richtig wertvoll sah es aus, und ich dachte, mit solch einem Buch könnte ich es mal wieder mit dem Lesen versuchen.
Das beinhaltete natürlich ein gewisses Risiko, denn seitdem ich selber angefangen hatte, zu schreiben, war mir das Lesen ein wenig verleidet. Warum? Vielleicht, weil ich jeden Stil, der mir gefällt nachahme? Ja.
Ich griff mir also dieses Buch. Das letzte Buch, das ich gelesen hatte, war von einem amerikanischen Schriftsteller gewesen, er hieß so ähnlich wie Henry James Jones Grace Smith – ein Name ebenso amerikanisch wie nichtssagend.
Dieses Buch hatte mir überhaupt nicht gefallen. Klar, Schriftsteller sind seltsame Wesen, und gut, jeder Schriftsteller schreibt vielleicht über diverse Probleme, aber was manche Schriftsteller sich dabei leisten, geht über jede Hutschnur. Ich (weiblich oder so) versuche ja wenigstens, die Leute ein bisschen zu amüsieren, während ich ihnen meine Probleme klammheimlich unterjubele, aber andere Schriftsteller kennen in ihrem Seelenschmerz und Gefasel keinerlei Grenzen. Am schlimmsten finde ich es, wenn sich ein (männlicher) Schriftsteller in Frauen hineinversetzt. Davon haben sie ja nun wirklich keine Ahnung. Was für Unterstellungen, was für krause Ansichten! Was für ein Müll!
Ich glaube, das Buch von diesem Henry James Jones Grace Smith hieß: ‚Verdammt sind sie alle’. Unter anderem kam darin eine vierzigjährige Frau vor, die ihr Jungfernhäutchen noch hatte (ich glaube, das ist so eine fixe Idee von Männern) und die absolut nicht wusste, wie sie es loswerden konnte. ???
Klar doch, wer so etwas schreibt, der ist wirklich verdammt.
Aber nun wieder zu meiner preisreduzierten Remittende, zu meinem kostbar in Kunstleder und Gold geprägten Buch, das mich so verheißungsvoll anschaute. Das Buch hieß ‚Lucien Leuwen’, der Autor war ein gewisser Stendhal, und es war unheimlich dick.
Genüsslich öffnete ich das Buch und fing an zu lesen.
Upps... Die sogenannte Einführung war fünfunddreißig Seiten lang.
Danach kamen das erste, das zweite und das dritte Vorwort vom Autor selber (drei Seiten lang). Diese Vorworte waren erfrischend kurz, wenn auch für mich recht unverständlich.
Dann wurde kurz LORD BYRON zitiert:
In Paris lebte einst eine Familie, die von ihrem Oberhaupt, das viel Geist hatte und obendrein zu gebieten verstand, vor gemeinen Ideen bewahrt worden war.
Gemeine Ideen? Musste ich das verstehen? Ich denke nicht.
Dann kam wieder ein Wort vom Autor selber an den ‚Wohlwollenden Leser’, in dem er seine Leser vor dem warnte, was kommen sollte. Das war auch erfrischend kurz (eine Seite nur).
Aber leider hatte ich seine Warnungen nicht ernstgenommen und trotzdem angefangen zu lesen.
Okay, es folgten 810 (in Worten achthundertzehn) Seiten, zu deren Handlung ich mich gleich später auslassen werde, und danach kam noch ein kleiner Anhang von circa elf Seiten, wieder an den ‚Wohlwollenden Leser’ gerichtet – der ich aber mittlerweile nicht mehr war – in dem Stendhal ein paar sogenannte Skizzen, Bruchstücke und Testamente zum Besten gab und irgendein Typ noch seinen Senf zu irgendwelchen Skizzen, Bruchstücken und Testamenten sowie zu anderen Romanen von Stendhal ablassen musste. Danach kamen Anmerkungen zu Fußnoten, die den Rahmen der Seiten gesprengt hätten, wären sie jeweils unten auf der entsprechenden Seite erschienen.
Dieses nahm uninteressante 35 (in Worten fünfunddreißig!) Seiten in Anspruch.
Zum Schluss kam noch ein kleines Nachwort des Herausgebers, weil der auch noch unbedingt seinen Senf dazugeben musste, aber Gott sei Dank war es nur eine schlappe Seite lang.
Nun zur Handlung:
Also, es spielt in Frankreich des 18. oder 19. Jahrhunderts unter irgendeinem Napoleon (die diversen Napoleones konnte ich übrigens noch nie auseinanderhalten).
Lucien, ein junger Mann aus Paris und aus sogenannten guten Verhältnissen verliebt sich in eine junge rotblonde Witwe. Leider kommt nichts dabei herum, weil er im entscheidenden Augenblick einen Rückzieher macht.
Danach geht er in die Politik.
Ja tatsächlich, das war schon alles. Nicht unbedingt das, wovon ein Mädchenherz so träumt, aber ich habe durchgehalten und den ganzen Roman gelesen, und es waren die unerfreulichsten Tage meines Lebens.
Ich glaube, ich hasse manche Schriftsteller! Vor allem diese langweiligen Schwätzer mit ihrem zwar wundervoll elegantem Stil, wo aber nix hinter ist, zumindest nicht für mich.
Und ich hoffe, dass ich meine eigenen Leser nicht so langweile, wie Stendhal mich gelangweilt hat. Klar, mein Geschreibsel ist bestimmt nicht so künstlerisch wertvoll wie seins, aber dafür auch nicht mit so vielen Vorworten, Nachrufen, Registern, Fußnoten, Appellen an den wohlwollenden Leser und sonstigem Firlefanz versehen.
Außerdem und zu meinem großen Entsetzen musste ich später feststellen, dass der amerikanische Autor Henry James Jones Grace Smith ein Fan von diesem Stendhal war. Oh! Mein! Gott! Eine Krähe hackt der anderen also kein Auge aus, sondern kriecht ihr noch in den Hintern...
Also doch besser ‚Reich und schön’ gucken? Zumindest haben die keinen literarischen Anspruch. Die Handlung ist zwar ähnlich unergiebig wie bei Stendhal und bei Henry James Jones Grace Smith, aber es gibt Kombinationen bei den Liebespaaren, da schlackert man wirklich mit den Ohren. Es gibt sogar Sex. Und man wird süchtig danach, was ich von Stendhals Roman mit seinen künstlich erscheinenden Figuren wirklich nicht behaupten kann.
Also: 1:0 für ‚Reich und schön’?
1:0 für eine Fernsehserie gegen einen angeblichen Klassiker?
Das wäre wirklich traurig.
Aber wäre es auch wahr? Gibt es denn eine objektive Wahrheit oder ist die Wahrheit nur subjektiv? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich amüsiert werden will und dass ich interessante Sachen lesen will, und das konnte keiner dieser beiden sogenannten Schriftsteller auch nur im entferntesten erreichen. Das ist meine Wahrheit.
Auch wenn die Literaturpäpste mich mit Mist bewerfen werden. Ich musste das mal sagen.
Also bewerft mich...
E N D E © 2005 by Ingrid
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